Lieber Bryn
Es ist jetzt knapp ein Monat her seit wir das letzte Mal richtig miteinander geredet haben.
Ich glaube so richtig verstanden hab ich noch nicht, dass es nicht mehr wird wie vorher.
So richtig verstanden, was eigentlich passiert ist, habe ich auch noch nicht.
Schweri sagt, wir hätten uns missverstanden - und vielleicht ist es auch genau so.
Vielleicht bin ich stur und egoistisch und unangenehm und ĂĽberemotional, vielleicht nehme ich mir das alles zusehr zu Herzen.
Vielleicht habe ich dich nicht richtig verstanden, falsch verstanden, nicht verstanden.
Ich weiss es nicht.
Ich habe diesen letzten Monat damit verbracht darüber nachzudenken was schiefgelaufen ist, wo mein Fehler lag, wo wir einander abhanden gekommen sind. Ich war sehr wütend und verletzt, dann war ich wütend auf mich selber und habe mich verflucht, weil ich es wieder geschafft habe eine wunderbare Freundschaft gegen die Wand zu fahren. Dann war ich mir wieder sicher, dass es eigentlich ganz schön frech von dir ist, von mir zu verlangen, mich besser anzupassen. Nicht früh ins Bett zu gehen wenn wir uns sehen. Ist ja Urlaub.
Nicht einige Stunden eher nach Hause fahren, nicht die Stimmung killen.
Du sagst, dass du es lächerlich findest, dass ich sage, dass meine Batterien leer sind und ich jetzt gehen möchte. Dass das etwas ist, worüber du dich eigentlich eher lustig machst.
Aber weisst du, das war ernst gemeint.
Ich verstehe, dass es dich vielleicht enttäuscht hat, dass du es vielleicht schade fandest oder dir gewünscht hättest, dass ich bis zum Schluss bleibe.
Ich verstehe, dass es dich geärgert hat, dass ich so gedankenlos war und den Müll nicht auf Deutsche Art getrennt habe.
Ich verstehe, dass du es anstregend fandest, dass ich manchmal nicht mit der guten Stimmung mithalten konnte, dass du dir vielleicht gewünscht hättest, dass ich einfach auch eine gute Zeit mit euch habe. Das ich mehr rede, nicht so viel schweige, dass ich mich an Unterhaltungen beteilige.
Ich verstehe das, und es tut mir leid dass ich deinen Erwartungen nicht entsprechen konnte.
Das ich nicht "einfach Urlaub" machen konnte.
Ich weiss nicht, ob es fĂĽr dich nachvollziehbar klingt, aber leider macht meine Erkrankung keinen Urlaub.
Auch im Urlaub bin ich Ich, mit meinem Kopf und meinen Macken und meinen sehr schwachen sozialen Batterien.
Ich will schreiben, dass es mir leidtut, und irgendwie tut es mir das auch, aber irgendwie will ich mich auch nicht dafĂĽr entschuldigen mĂĽssen dass ich bin wie ich nun mal bin.
Und ich glaube, dass ist es auch, was mich an deinen Worten am meisten verletzt hat: Das du mich offenbar nicht nehmen kannst oder willst wie ich bin. Das du, nachdem wir uns all die Monate und Jahre kennen, plötzlich beschlossen hast, dass ich so, wie ich bin, nicht mehr ausreiche.
Ich habe mich gefragt: Hast du mir in all der Zeit jemals wirklich zugehört?
Wenn ich dir erzählt habe, wie es mir geht, wie ich mich fühle und wie ich meinen Alltag erlebe.
Hast du jemals verstanden, was ich gesagt habe?
Verzeih wenn das angriffig klingt, so ist das nicht gemeint - es soll wirklich nur eine Frage sein.
Ich bin auch ein bisschen verwirrt, was du von mir erwartest. Du sagst mir, du wünscht dir, dass ich mehr kommuniziere, zum Beispiel wenn es mir nicht gut geht, aber du möchtest auch, dass ich mich euch und der Stimmung anpasse. Ausserdem findest du, dass du selber nicht über alles reden musst, wer was wissen will, der fragt schon nach.
Du hast damit recht - wer was wissen will, der fragt nach.
Warum hast du nicht nachgefragt?
Nachgefragt, warum ich grade nicht viel sage?
Nachgefragt, warum ich eher ins Bett gehe?
Nachgefragt, was mir grade durch den Kopf geht?
Versteh mich bitte auch hier nicht falsch - ich habe nicht von dir erwartet, dass du nachfragst. Ich weiss, dass es meine Aufgabe ist, mich mitzuteilen wenn das nötig ist. Vielleicht habe ich die Situation falsch eingeschätzt, aber ich dachte, dass es in Ordnung ist, wenn ich halt einfach etwas weniger rede. Wenn ich halt zwei, drei Stunden eher ins Bett gehe. Wenn ich halt am Morgen statt am Nachmittag schon nach Hause gehe.
Ich dachte es ist in Ordnung, wenn ich einfach ein bisschen mehr ich bin.
Das alles hatte ja nichts mit euch zu tun - es ist mein Kopf der mir dumme Dinge einflüstert, und damit will ich dich eigentlich nicht behelligen. Auch, weil es mir ein bisschen peinlich ist, dass ich manchmal so viele Probleme habe. Ich habe meine Strategien, mich auszubalancieren, Strategien, von denen du auch weisst. Oder von denen du wüsstest, wenn du mir zugehört hättest, in all der langen Zeit.
Ich habe grade ein bisschen Probleme, die richtigen Worte zu finden - es erscheint mir, als böte sich ein etwas falsches Bild auf das, was passiert ist. Aber das ist auch Teil meines inneren Dilemmas mit der Sache: Ich habe Mühe, das alles neutral zu betrachten.
Ich habe euch nicht zugejammert, ich habe euch nicht ignoriert oder böse Dinge gesagt. Ich habe nur ein bisschen weniger geredet, mich trotzdem bemüht, zugehört und teilgenommen.
Ich habe mich wirklich sehr bemĂĽht. Es tut mir leid, fĂĽr dich und fĂĽr mich, dass das nicht so gewirkt hat.
Aber sei ehrlich: Ist es nicht so, das ich immer so bin? Schon all die Zeit seit wir uns kennen?
Bin ich nicht immer der erste der ins Bett geht? Ist das nicht oft genug Thema in freundschaftlichen Zankereien gewesen?
Bin ich nicht immer der gewesen, der manchmal viel und manchmal wenig geredet hat?
Habe ich nicht immer davon gesprochen, dass ich manche Dinge nicht gut einschätzen kann, und deswegen froh bin, wenn man mich darauf aufmerksam macht, wenn man grade nicht versteht was ich grade tue oder wenn ich unangebrachte Dinge sage oder tue?
Warum hast du mich nicht darauf angesprochen?
Warum musste ich dir erst ewig und drei Tage hinterherrennen bis du ĂĽberhaupt mal gesagt hast, was eigentlich los ist?
Das alles ist schon sehr schwierig - schwierig zu verstehen, zu verdauen, wegzupacken. Ich weiss immer noch nicht, inwieweit ich falsch gehandelt habe und ich versuche zu verstehen, was nicht in Ordnung war an meinem Verhalten.
Ich will lernen. Ich will wachsen. Ich will verstehen, was ich tun kann, damit ich so akzeptiert werde, wie ich bin.
Und eigentlich will ich auch kein Drama vom Zaun brechen, einen Krieg gegen dich fĂĽhren.
So, wie ich das frĂĽher gemacht habe. Auf viel Zuneigung folgt viel Abneigung, weil ich nicht weiss wo ich mit mir selber stehe, weil ich nichts verstehe und wie ein eingekesseltes Tier um mich beisse.
Ich habe in der Vergangenheit viele Menschen verletzt dadurch und das liesse sich vielleicht auch auf diese Situation übertragen - dass du einfach in mir noch den Menschen von früher siehst. Aber du hast diesen Menschen nie kennengelernt. Du kennst Jin, etwas schräg, etwas überemotional, etwas kompliziert, aber unglaublich viel aufgeräumter und ausgeglichener als früher. Jin, der in der Lage ist, zu Kommunizieren. Nachzufragen, zu erklären.
Du sagst mir, ich stünde mir selber im Weg und das du es nicht nötig hättest, mir immerzu zu sagen dass ich alles richtig mache.
Aber das verlange ich doch gar nicht von dir. Ich wünsche mir lediglich, dass auch du kommunizierst. Erzähl mir was in dir vorgeht wenn du mit mir redest. Erzähl mir, was du nicht verstehst oder WIE du mich verstehst. Erzähl mir, was in dir vorgeht
Und nicht zuletzt: Sag mir, wenn du mit einer Verhaltensweise von mir nicht zurecht kommst. Sag mir, dass du mich vielleicht grade anstregend findest, sag mir, wenn ich mich merkwĂĽrdig ausdrĂĽcke, sag mir, wenn du grade verwirrt bist ab mir.
Rede mit mir.
Aber das möchtest du nicht.
Und das muss ich respektieren.
Vielleicht bin ich auch wieder auf dem völlig falschen Weg und verlange wieder viel zu viel. Vielleicht ist es frech von mir, mir zu wünschen, dass du mehr redest. Ich weiss es nicht. Ich weiss es wirklich nicht.
Wenn dem so ist, dann tut es mir unendlich leid. Ich möchte lernen. Ich möchte an mir arbeiten.
Aber manchmal weiss ich einfach nicht wie. Es tut mir leid.
Vielleicht hätten wir trotz all dem irgendwie wieder zueinander finden können. Vielleicht hätten wir Gerspräche führen können, oder du mir erklären, dass du es echt unverschämt von mir findest, dass ich erwarte, dass du dich mitteilst.
Vielleicht hätte es Lösungen gegeben.
Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.
An Weihnachten hast du mich online blockiert und mir damit eindeutig zu verstehen gegeben, dass du keinen Kontakt mehr wĂĽnscht - kein Treffen, keine Telefonate, keine Nachrichten mehr.
Und das respektiere ich.
Du hast deine Entscheidung getroffen. Und ich treffe meine.
Ich habe immer noch grosse Angst, unwissentlich all die Menschen um mich herum zu belasten, indem ich Ich bin. Ich habe Angst, dass es noch viel mehr Menschen gibt, die ich liebe, die mich insgeheim echt kacke und egoistisch und anstregend finden.
Ich habe Angst, aber weisst du, gleichzeitig zeigt mir das auch, wer wirklich an MIR interessiert ist. Wer wirklich MICH mag, und nicht nur die Möglichkeit, sich Zeit zu vertreiben oder sozialen Kontakt zu mimen.
Ich habe Eden getroffen, ganz kurz nach dem grossen Knall. Und ich habe gemerkt, wie unfassbar gut es mir getan hat, mich ein bisschen fallen zu lassen.
Einfach nichts zu sagen und Eden zuzuhören. Ohne missverstanden zu werden. Ohne etwas erbringen zu müssen was ich nicht kann.
Ich habe Michelle getroffen, etwa zwei Wochen nach dem grossen Knall. Und ich habe gemerkt, wie unfassbar zuhause ich mich gefühlt habe mit ihr. Dass ich zuhören darf, dass ich meine Meinung sagen darf, ohne als seltsam abgestempelt zu werden. Dass sie, obwohl ich wirklich furchtbar kompliziert bin was Treffen angeht dennoch Zeit mit mir verbringen will, mit MIR. Mir, wie ich bin.
Ich habe mit meinen Schwestern einen spontanen Auspack-Anruf veranstaltet, an Weihnachten, einige Zeit nach dem grossen Knall, und ich habe gemerkt, wie dankbar ich dafür bin, dass es kein Problem ist, dass ich keine Kamera anmachen will. Dass ich nicht zählen kann und verwirrt bin und das ich gesehen werde, so wie ich bin. Dass es in Ordnung ist, wenn ich dann halt diejenige bin, die den Anruf beendet, weil ich komplett die Zeit vergessen habe und eigentlich noch kochen muss.
Ich habe so unglaublich wunderbare Menschen um mich herum, dass es mir nicht gelingen mag, meine Dankbarkeit dafĂĽr auszudrĂĽcken.
Ich weiss, ich bin nicht einfach. Ich weiss, ich bin nicht der beste aller Freunde. Ich weiss, ich bin manchmal anstregend und kompliziert und ich bin nicht elegant und spontan und manchmal furchtbar unsensibel - aber weisst du, Bryn, ich glaube, das ist irgendwie auch ein bisschen okay.
Das ich halt so bin.
Vielleicht machen mir all die Menschen gute Mine zum bösen Spiel, vielleicht finden die mich insgeheim alle echt scheisse, grade vermag ich das nicht zu beurteilen - aber ihre Taten, ihre Worte geben mir Anlass zur Hoffnung, dass es nicht so ist.
Das ich auch mit Ecken und Kanten willkommen bin.
So, wie ich bin.
Es tut mir leid, dass ich dir nicht der Freund sein konnte, den du gerne gehabt hättest.
Es tut mir leid, dass alles so furchtbar dumm geendet hat.
Aber es tut mir nicht leid, nicht immer, dass so bin wie ich bin.
Ich arbeite an mir, ich gehe Schritt fĂĽr Schritt nach vorne.
Es tut mir leid, dass es nicht gereicht hat.
Vielleicht wirst du mich irgendwann entblocken, vielleicht werden wir uns irgendwo wieder begegnen, wir haben ja immer noch gemeinsame Freunde - vielleicht können wir irgendwann wieder miteinander reden, locker, über nichts tiefes.
Vielleicht geht das - aber wie vorher wird es nicht mehr.
Das tut mir leid. FĂĽr uns beide.
Lieber Bryn. Danke, für all die Gespräche, für all das Lachen und für all deine Zeit.
Danke fĂĽr die Eule, fĂĽr das Paket, das nie ankam, danke fĂĽr das Puzzle.
Danke, dass du ein StĂĽck Weg mit mir gegangen bist.
Danke.
Pass auf dich auf.
Jin