Donnerstag, 11. November 2021

11.11

 Lieber Paddy

In letzter Zeit erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken, mir die alten Let's plays von dir anzusehen. Diese Videos, die ich damals so unendlich gerne mochte. Weil ich dich so mochte. Die Zeit, die du mir geschenkt hast.

Wie lange ist das mittlerweile her? 8 Jahre? Noch mehr?
8 Jahre seit ich das letzte Mal deine Stimme gehört habe, das letzte Mal ein Wort von dir gelesen habe, direkt an mich gerichtet. 8 Jahre. Bald wirst du 30, noch ein oder zwei Jahre. Ich habe vergessen in welchem Jahr du geboren wurdest - ein so kleines Detail was damals nie wichtig war, dass dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen und irgendwo in meinen Hirnwindungen zerbröselt noch exisitert, aber zu klein, zu fein gemahlen um erfasst werden zu können. Ich frage mich, was habe ich sonst noch alles vergessen? Deine Augenfarbe, deinen Beruf. Den Namen deiner Eltern und warum du dich manchmal katzenoma nanntest. Ich weiss diese Dinge nicht mehr und vermutlich noch viel, viel mehr, was mir gar nicht bewusst ist, weil es so weit verstreut liegt dass ich nicht mal mehr ansatzweise erfassen kann /was/ da liegt.

Aber es gibt auch vieles, was ich noch weiss. Du hattest echt wilde Locken, braun, schon fast gekraust. Dein Bruder heisst Oliver und dein Vater arbeitet in einem Chemielabor. Du bist in Bützow aufgewachsen und später nach Rostock gezogen. Du hast dein Motorrad geliebt, du hast Musik geliebt, du hast gerne gezockt und dich mit Freunden unterhalten. Du warst ein furchtbar schlechter Lügner und weil du das selber auch wusstest, hast du immer angefangen zu schweigen wenn du eine Antwort nicht geben wolltest.
Du hast geschwiegen als du mal richtig richtig wütend auf deinen Bruder warst und ich dich gefragt habe, was denn passiert ist. Du hast geschwiegen als ich dich gefragt habe ob du betrunken bist, an dem Abend als du ultra spät nach Hause kamst und super schlecht gelaunt warst. Du hast geschwiegen als die Frage im Raum stand ob es dich stört, dass ich mich mit Mark treffe.
Du hast geschwiegen als ich dich gefragt habe, ob es dir zu viel ist wenn ich dir erzähle, dass ich grade ein bisschen sterben will.
Du hast geschwiegen, lange geschwiegen als ich dich nach deinem ersten Verschwinden fragte, warum du gegangen bist.
Heute Morgen lag dichter Nebel über dem See und obwohl ich wusste dass er da war, ich die Wellen hörte, das Wasser roch, konnte ich ihn nicht sehen. Dabei musste ich an dein Schweigen denken. Die Antwort, von der ich wusste, dass sie da war, die ich wahrgenommen, gerochen, gefühlt habe, aber nicht ausmachen konnte, weil ich furchtbar schlecht in sozialen Dingen und obendrein ein furchtbarer Teenager war.
Antworten, die wichtig gewesen wären. Wichtig für mich, wichtig für dich. Wichtig für die Zeit, die wir zusammen verbrachten, die anfangs wie Samt und Daunen nichts war ausser wundervoll, mit der Zeit immer kratziger, immer rauer, immer abgegriffener wurde. Weil wir, inmitten von all den Fragen und Aussagen vergessen haben zu antworten. Ehrlich zu sein. Zu einander und uns selbst.

Aber weisst du, ich erinnere mich auch immer mehr an all die wunderbaren Dinge, die mir dank dir widerfahren sind. Du warst oft unglaublich wĂĽtend auf mich, fĂĽr mich. Du hast geweint fĂĽr mich und mich gebeten freundlicher zu mir selbst zu sein. Du hast geweint und mich damit zum weinen gebracht - weil du, du unaussprechlich freundlicher Mensch, fĂĽr mich, um mich, wegen mir weinst. Das war mehr als ich erfassen konnte, damals.
Du hast so viel gelacht und mich damit angesteckt, du hast mir deine Musik gezeigt und du hast mit mir gesungen, du hast mir von dir erzählt, von deinen Problemen, deinen Freuden, du hast mir vertrauen entgegengebracht.
Du warst da. Und für mich warst du ein Wunder, in allem, was du tatest, sagtest, vermitteltest steckte für mich eine Sternschnuppe, ein Regenbogen und ein Topf voll mit Gold. Und das sind Momente, Erinnerungen die mir keiner mehr nehmen kann. Nur ich selber kann sie wegpacken, im Nebel verschwinden lassen und mich von der Kälte und Nässe und dieser unglaublichen Einsamkeit inmitten der Tatsache, dass du nicht mehr in meinem Leben bist, vereinnahmen lassen.
Vergessen, dass du doch so viel mehr warst als der Kerl der einfach gegangen ist weil ich nichts wert bin.
Ich versuche darüber hinwegzusehen, zu ignorieren dass das alles meine Schuld ist. Dass du nicht gegangen wärst wenn ich nur ein Stückchen besserer Mensch gewesen wäre. Dass ich vielleicht heute dich und deine Stimme und deine Augen in meinem Leben hätte anstelle von Videos, ein Jahrzehnt alt, anstelle von Erinnerungen, unsterblich, aber vergangen.
Ich versuche nicht daran zu denken und mich stattdessen an all die Dinge zu erinnern die so wundervoll waren. Du. Das Licht, dass du in mein Leben gebracht hast, Kleinigkeiten, Blödeleien wie die E-Axt oder die Namensgebung deines Motorrades, Grossigkeiten wie dieser knapp 20 Minuten lange Track den du zu meinem Geburtstag eingesungen hattest und den ich mir wieder und wieder und wieder angehört habe, dann, wenn mein Leben am Dunkelsten war.
An die Wärme, die Liebe die du mir entgegengebracht hast. 

An dich, mein ganz persönliches Wunder.

Danke, dass du trotz allem da warst. Danke, dass du ein StĂĽckchen Weg mit mir gegangen bist.
Es tut mir leid, dass ich nicht gereicht habe. Dass ich kein besserer Weggefährte sein konnte.

Happy Birthday, Paddy.
Ich erinnere mich an dich.

Alles Liebe,
Jin(nie)

Montag, 1. November 2021

None of our business

 Sexualität ist so verwirrend.
Geschlechter sind so verwirrend.
Identität ist verwirrend.

Ich habe kein Problem mit meiner Sexualität, weder darüber zu reden noch damit, dass ich nun mal so bin, nicht ganz so, wie das, was dieses "Normal" wäre. Ich habe auch kein Problem damit, dass es manche Stimmen gibt, die mir nicht glauben dass ich keinen Sexualtrieb habe, die versuchen mich davon zu überzeugen, dass ich nur ein Spätzünder oder halt sehr wählerisch bin.
Die können mich relativ gepflegt mal am Arsch lecken, nur bitte nicht an meinem. Gibt genug Ärsche da draussen die geleckt werden wollen, sucht euch einen aus.
Ich habe kein Problem damit, dass ich asexuell bin und manchmal denke ich mir, dass ich vielleicht sogar ein bisschen ein besseres Los gezogen habe wie all die Menschen, bei denen Sex eine so grosse Rolle spielt. Ich denke mir manchmal ich bin etwas freier, etwas unvoreingenommener. Möglicherweise liegt das aber nur daran, dass ich in einer unglaublich heteronormativen, rollenfixierten Welt aufwachse, so, wie wir alle.

Auch mein Umfeld ist offen und von den Menschen, die mir etwas bedeuten, habe ich nichts als Akzeptanz dahingehend erfahren. Mein Vater ist nicht der grösste Befürworter von Homosexualität, dafür ist er zu christlich, aber er ist kein Fundamentalist und als solcher durchaus in der Lage, Menschen mit anderen Sexualitäten zu respektieren. Zumindest gegen aussen. Ich habe keine Ahnung was er tun würde, wenn eins seiner Kinder actually mal mit einem gleichgeschlechtlichen Partner ankäme - aber er ist eben kein offen homophober Mensch und das macht, wenn es um das mindset geht was ich aus meiner Kindheit mitgenommen habe, enorm viel aus.
Ich bin auch schon seit Jahren geoutet, zumindest soweit man eben geoutet sein kann als asexueller Mensch. Diejenigen, die mir wichtig sind, wissen, dass ich es bin. Auch mein Vater, der das einfach so hingenommen hat. Ob er mir wirklich geglaubt hat sei mal dahingestellt - das kann ich eh nicht ĂĽberprĂĽfen, und es ist mir auch einfach egal.
Es ist mir egal, ob andere finden ich will nur was kompensieren, oder dass ich nur behaupte Asexuell zu sein weil ich hässlich bin und niemanden abkriege, dass ich prĂĽde bin oder aufgrund meiner traumatischen Erlebnisse Angst vor Sex habe - es ist mir egal. Denkt was ihr wollt. Das ändert nichts daran, dass ich bin wie ich bin. 

Ich habe kein Problem mit meiner Sexualität - aber diese bringt Probleme mit sich. Ich weiss manchmal, oft, fast immer, nicht, wer ich bin. Was ich bin. Geschlechtertechnisch.
Ich weiss schon länger, dass das ein Thema ist für mich, aber es ist immer mal mehr, mal weniger diffus. Mit dem Privileg eines weiblichen Körpers gab es für mich nie Grenzen was meine Kleidung angeht, Farben, Make-Up oder Accessoires. Ich konnte tun und lassen was ich wollte, in dieser Hinsicht, und so kam es nie zu einem "ich hätte gerne dieses aber die Gesellschaft sagt nein".

Auch was Spielzeug anging waren meine Eltern keine, die uns unbedingt bestimmte Verhaltensmuster und Vorlieben mitgeben wollten. Wir hatten eigentlich alles, egal ob Puppe oder Auto, Playmobil-Ponyhof oder -Piratenschiff. Auch da gab es kein "Eigentlich möchte ich lieber das, aber die Gesellschaft sagt nein".

Abgesehen von meinen Schwestern hatte ich fast ausschliesslich männliche Freunde, das aber nicht, weil ich mir diese bewusst ausgesucht habe, sondern weil sie halt da waren und man sich gut verstand. Das Nachbarskind, dass nur zwei Tage jünger ist, der Junge den ich in der Kirche immer sehe - war halt so. Ich habe aber nicht eine weibliche Freundin vermisst oder gemerkt, dass ich irgendwie anders war als meine männlichen Freunde - es war mir, und ist mir bis heute, einfach egal. Wenn ich jemandem nahe genug bin, dass ich seine nackten Genitalien sehe, dann ist mir die Person eh zu nah, völlig schnurz ob weiblich, männlich oder divers.
Ich habe auch nie verstanden warum es so schwierig ist jemanden, der einen Penis hat, trotzdem als Frau zu sehen, wenn die Person das möchte, oder halt eben umgekehrt. In meiner Parallelklasse in der Fachmittelschule war ein Transmädchen, ich glaube, das war auch meine erste persönliche Berührung mit dem Thema überhaupt. Ja, klar, man sieht dass sie körperlich halt männlich ist, aber das hat doch absolut nichts damit zu tun, was sie ist. Der Unterschied zwischen den Begriffen "sex" und "gender" war mir damals noch nicht bekannt, aber ich glaube, ich habe unbewusst bereits verstanden, dass das eben nicht dasselbe ist.
Einige Jungs - interessanterweise vor allem Jungs - fanden das zum Lachen und haben böse Dinge über sie gesagt. Wäre ich nicht feige gewesen so hätte ich vielleicht was dagegen gesagt. Aber auch wenn ich das nicht getan habe, verstanden habe ich es nie. Ich kann doch gar nicht wissen, was jemand ist, bis die Person es mir nicht erzählt. Ich kann das doch nicht an körperlichen Merkmalen allein festmachen.
Und, wie gesagt, wenn wir uns nahe genug sind, dass ich eindeutig sehen kann, wie du untenrum gebaut bist, dann bist du mir eh eindeutig zu nah und auch eindeutig zu nackt.

Ich glaube es ist ein Geschenk, in einem Umfeld aufzuwachsen, dass einem keine Grenzen setzt. Und ich bin dankbar dafĂĽr, dass es so gewesen ist. Dass ich deswegen heute nur noch weniger verstehe, wer ich eigentlich bin, dafĂĽr kann keiner was - ausser mir selbst.

Als Teenager dachte ich mir manchmal, dass es doch irgendwie einfächer wäre, einen männlichen Körper zu haben aber eine Frau zu sein, weil es einfacher ist, ein Statement zu machen. Weil es einfacher ist zu merken, dass das, was die Gesellschaft von mir denkt, nicht das ist, was ich bin. Dabei ist es vermutlich alles, nur nicht einfacher.
Natürlich, es ist ein Statement wenn ich mich dann halt schminke, Kleider anziehe und mir die Haare wachsen lassen, auch wenn das alleine schon ein Armutszeugnis ist. Warum ist das denn überhaupt ein Statement? Warum ist es so, dass wir so unglaublich starre Vorstellungen haben? Manchmal möchte ich weinen weil wir alle so unfrei sind. Aber Menschen mit männlichen Körpern eben ein bisschen unfreier als jene mit weiblichen.
Aber es wäre möglich, ein Statement zu machen. Wenn ich mit kurzen Haaren und baggy Klamotten rumlaufe, in der Männerabteilung einkaufe dann juckt das niemanden. Literally niemanden.
Und ob ich einen Binder trage oder nicht eigentlich auch nicht, es gibt ja schliesslich von A bis Doppel G alles. (Und darĂĽber hinaus, mind you)
Wie kann ich also wissen, wer ich bin, wenn eh alles geht? Muss ich dann ĂĽberhaupt wissen, wer ich bin?
Ja, nein. Schon. Glaub ich.
Stört es mich, als Frau angeredet zu werden? Oft ja.
Ich mag es nicht, wenn man mich als Frau betitelt. Ich kann nicht sagen, warum, aber es fühlt sich nicht richtig an. Online bin ich auf bestimmten Seiten seit Jahren ein Mann - und das fühlt sich ein bisschen mehr an, als wäre ich angekommen. Aber liegt das nur daran, dass ich damit einen ausgleich schaffe zum permanenten "Frau-Sein" im realen Leben? Ich weiss es nicht.
Ich will keinen Penis. Ich mach mir aber auch nichts aus meiner Vagina. Sie ist relativ zweckdienlich, ich kann damit zur Toilette gehen was schon ganz praktisch ist, ich bin auch relativ dankbar dass ich damit keine random Boner in der Ă–ffentlichkeit kriege (jaha, unbewusst erregt zu sein ist nicht dasselbe wie sich wĂĽnschen Sex zu haben) und generell aufpassen muss dass ich mir das Ding nicht zu sehr anhaue. (Sind die wirklich so sensibel?)
Da ich meine untere Hälfte nicht für irgendwelche Nacki-Action benutze ist es mir echt einerlei was ich da hab. Es ist für mich keine Qual, eine Vagina zu haben, auch nicht, meine Tage zu kriegen. (Also, schon, aber nicht um der Tage Wille)
Aber liegt das nur daran, dass ich keinen Sexualtrieb habe? Würde ich mir einen Penis wünschen, wenn ich nicht asexuell wäre?

Meine BrĂĽste gehen mir auf die Nerven, sie sind im Weg und ich brauch BHs dafĂĽr und sie sind empfindlich und wĂĽrde man mir anbieten, sie mir abzunehmen, wĂĽrde ich sofort ja sagen. Ich häng nicht an den Dingern. Aber auch hier: Ich leide nicht extrem darunter, welche zu haben. Ist dass denn wirklich das Ausschlaggebende wenn es darum geht, ob man ein Mann oder eine Frau ist, so rein gender-mässig? 

Eigentlich ist es doch scheissegal. Ich bin eben ich. Nennt mich wie ihr wollt aber steckt mich bitte nicht in irgendwelche Stereotypenschubladen. Erwartet nicht dieses und jenes von mir, nur weil ich unten nen Schlitz und oben zwei Bommel hab. Nehmt mich als Mensch.
Aber reicht das?
Schon, auf ne Art. Ich kann toll finden was immer ich will, ich kann anziehen was immer ich will, die Frisur haben die ich will, riechen wonach ich will und eben auch einfach keinen Sex haben wenn ich nicht will - es ist so einfach. Es wär so einfach.
Wenn nur dieses klitzekleine aber beständig nagende Gefühl nicht wäre, dass etwas nicht stimmt. Mit mir. Der Art, wie ich angesprochen werde. Wie ich bin.
Liegt es an meiner Persönlichkeitsstörung?
Daran, dass ich Sex dumm finde?
Woran liegt es?
Wie finde ich das raus?

Ich lese den neuen Band von Boys run the riot und frage mich: Wie sieht der riot in mir drinnen aus? Wer bin ich?
Ich weiss es einfach nicht.

Ich will nicht darĂĽber mit Freunden reden ehe ich nicht eine Antwort darauf habe, will nicht hin und her schwingen oder eher: will nicht, dass sie sehen, wie sehr ich schwinge
Ich will keine Umstände bereiten, nicht erscheinen als würde ich es nur der Aufmerksamkeit wegen machen. Und doch will ich diesem Teil von mir einen Raum geben. Wenigstens in mir selber.

Das ist alles so unfassbar verwirrend.