Montag, 27. Februar 2023

Reign

Seit August 2022 lebe ich nun weitestgehend selbstständig, ohne Betreuer*innen. Ein Fazit?

Ich glaube, es ist an sich okay. Es gibt Dinge, die mich immer noch schwer überfordern, ich hab Mühe, wirklich ordentlich zu leben, Ordnung herzustellen und sie dann auch zu bewahren. Aber, wie mein Betreuer schon sagte: Es ist nicht ordentlich, aber sauber, und das ist die Hauptsache. Manchmal wünschte ich mir, es würde mir besser gelingen, aufzuräumen, Dingen einen Platz zuzuweisen, und nicht so verloren zu sein damit. Es fehlt mir manchmal, dass das jemand mit mir angeht, mir erklärt, drei, vier, fünfmal erklärt, wie das geht, wie man das macht, jemand, der die Geduld und das Verständnis hat, dass ich kein Gefühl für Ordnung habe, einen gewissen Rahmen brauche, Hilfe bei so simplen Dingen. Wenn ich es dann doch schaffe, von ganz alleine, die Wäsche nach dem waschen in den Schrank zu packen, ordentlich, anstelle davon sie an Ort und Stelle stehen zu lassen, irgendwo mittendrin, dann bin ich ein bisschen zufrieden mit mir.

Wenn ich es nach Wochen schaffe, die Kiste, die schon gepackt seit Ewigkeiten im Weg rumsteht, in den Keller zu tragen, dann denke ich mir: Ich kann das doch. Aber schon am nächsten Tag bin ich wieder verloren und überfordert damit, meine Schuhe ordentlich hinzustellen, oder die kaputte Glühbirne im Bad auszuwechseln.
Ich weiss manchmal nicht, ob das an meinem schlechten Charakter oder an meinen Erkrankungen liegt, aber ich weiss, dass ich es eigentlich schaffen sollte, selbstständig zu sein, Ordnung zu halten. Fast dreissig, aber mit dem kleinsten Blödsinn überfordert. Dafür schäme ich mich ein bisschen.
Und doch: Irgendwie geht es.

Es ist unordentlich, ĂĽberall liegen BĂĽcher, die Wäsche steht herum, Pappe wartet darauf, entsorgt zu werden, die eine Lampe geht nicht mehr – aber es ist sauber, gesaugt, die KĂĽche gemacht, das Bad geputzt, die Wäsche ist gewachsen, es ist eingekauft und der Weihnachtskaktus ist gegossen. Ich bezahle meine Rechnungen, stehe morgens auf, kann zur Arbeit gehen und meinen Tag strukturieren, ich kann rechtzeitig ins Bett gehen, mir Tee machen, meine Medikamente besorgen und gewissenhaft nehmen. Manches könnte besser sein, aber vieles könnte auch schlimmer sein.
Ich glaube, das Fazit der letzten Monate ist neutral. Ich komme nicht sehr gut oder perfekt zurecht, aber eben auch nicht schlecht oder gar nicht. Es geht. Es ist okay. Das ich manche Dinge nicht kann, ist okay. Weil es dafĂĽr ganz viele Dinge gibt, DIE ich kann.
Ein kleines Leben fĂĽhren.
Das ist die Hauptsache.

Dienstag, 21. Februar 2023

Core

Würdest du in die Vergangenheit reisen, wenn du könntest?

Also, jetzt nicht ala „das Alte Ă„gypten sehen“ oder historischem Ereignis XY beiwohnen, sondern in deine eigene. 5, 10, 20 Jahre, deinen eigenen Platz einnehmen mit dem Wissen von heute, alles nochmal, vielleicht anders machen.

Die Frage begleitet mich aktuell. Vielleicht, weil ich viel von Menschen träume, die irgendwann mal in meinem Leben waren, die es heute nicht mehr sind, zum Grossteil wegen Fehlern meinerseits. Vielleicht bin ich aber auch grade etwas dünnhäutig und empfänglicher für Fragen dieser Art.

Aber egal wie oft ich darüber nachdenke, mir überlege, was ich gerne ändern würde, wie ich es anstellen sollte, ich komme immer wieder zum Schluss: Ich will das nicht. Also, es gibt wirklich Dinge, die ich bereue, Menschen, die ich verletzt habe, bei denen ich mich zumindest gerne entschuldigen würde, auch wenn das irgendwie eher meinem Gewissen zu Gute kommt, was es schon wieder irgendwie schäbig macht.

Aber ehrlich gesagt hätte ich viel zu viel Angst, was selbst kleinste Veränderungen fĂĽr Auswirkungen haben. Manch einen Menschen habe ich nur kennengelernt, weil ich zu abenteuerlichen Zeiten an abenteuerlichen Orten war, nachts um zwei in irgendwelchen Foren, spontan mit Klassenkameraden am fucking Hilari, obwohl das eigentlich so gar nicht mein Ding ist. (War tatsächlich auch das erste und einzige Mal). Was, wenn ich diese Zeitpunkte verpasse, weil ich etwas anderes nicht so gemacht habe wie beim „ersten Mal“? Was, wenn das letztlich dazu fĂĽhrt, dass ich einen bestimmten Ort gar nie besuche, oder später/frĂĽher, und entsprechend das Zeitfenster verpasse, in dem ursprĂĽngliche Bekanntschaften begonnen haben?

Wäre ich 2017 nur einen Tag eher oder später auf die Akutstation eingeliefert worden, hätte man mir ein anderes Zimmer zugesprochen, und ich hätte Jil niemals so nahegestanden wie wir es taten.
Wäre ich.. 2012 (?) nur eine Stunde früher oder später in diesem Chatroom gewesen, wäre Dugo vielleicht noch nicht oder nicht mehr da gewesen, und wir hätten uns niemals kennengelernt.
Wäre ich 2010 nur MINUTEN später online gekommen, hätte ich die Nachricht von Paddy nicht gelesen und niemals Kontakt zu ihm aufgenommen.
Wäre ich 2017 NICHT in die Klinik gekommen, hätte ich meine Ausbildung früher begonnen, wäre mit ganz anderen Menschen in der Klasse gewesen, hätte niemals Freundschaft geschlossen mit Vanessa oder Sirjay.

Andererseits könnte ich vielleicht Menschen retten. Menschen mĂĽssten nicht alleine und verzweifelt sterben. Aber ich bin auch kein fucking Superheld, also könnte ich probably gar nichts ändern. Ich weiss es nicht. 

Beziehungen sind so unendlich fragil, und ich habe zu viel Respekt davor, als da sich wĂĽrde eingreifen wollen. Auch, weil es zu manchen positiven Situationen kam, weil ich andernorts was verbockt habe. Im Prinzip mĂĽsste ich dann zwischen zwei Menschen entscheiden, und das kann und will ich nicht.

Die Dinge sind, wie sie sind. Vergangenes ist vergangen und lässt sich nicht ändern – und ich glaube, das ist auch gut so. Ich kann nur versuchen, im Hier und Jetzt und in Zukunft so zu leben, dass ich nie wieder etwas so bereuen muss, dass ich Jahre später noch davon träume. Dass ich nie wieder Menschen gehen lassen muss, die ich eigentlich so sehr liebe.

Nein, ich wĂĽrde nicht in meine Vergangenheit reisen. Nicht, um Dinge zu ändern. 

(Aber das Alte Ägypten erleben wär schon nice)

Montag, 20. Februar 2023

Moment

„We may think that time flows evenly throughout the world, but dreams [don’t always match up with the timeline of reality and so] let us know, that in fact, time is nothing more than another function of our minds.“

panpanya - On the timeline of dreams

 


Träume, Zeit, Vergangenes – diese Dinge begegnen mir in letzter Zeit wieder häufiger. Ich meine, an sich begegnen sie mir immer, Zeit ist, was ich sehe, erlebe, fĂĽhle; ich bin Zeit, weil ich Vergangen bin, weil ich war, weil ich morgen sein werde. Aber die Thematik begegnet mir, wie zufällig, in Literatur, News, Erzählungen von Freunden. Man nimmt wahr was einen beschäftigt, oder so ähnlich, aber was es auch ist – es ist da.

Traum, die verschobene Realität, die erwacht, wenn wir einschlafen; vielleicht ist es auch gar nicht so zufällig, dass es mir viel begegnet. Literatur ist Philosophie, in jedem Winkel, jedem Satz, die Studie über den Geist des Menschen, der sie verfasst, der, der sie liest, der, der sie interpretiert. Naturgegeben tauchen da Themen wie Träume häufiger auf.

Ich habe immer viel geträumt, sehr lebhaft, manche Träume, die ich hatte, als ich noch so klein war, das ich mich nicht mehr erinnern mag, wie lange es her ist, sind mir noch ĂĽberpräsent, eingraviert. Weniger bildhaft, mehr emotional, gefĂĽhlt, erlebt. So geht es mir eigentlich mit fast allen Träumen. Ich erinnere mich nie daran, WO ich genau bin, keine Ahnung, wie die Orte aussehen, die Menschen, kann mich nicht an Farben oder Formen erinnern, grob an Architekturen von Gebäuden, wie Strassen liegen, wie skizzenhafte Landkarten, aber niemals an eine konkrete Umgebung; nur ganz selten ist es eine, die ich ĂĽberhaupt kenne, in dieser anderen, der „eigentlichen“ Realität. Aber ich erinnere mich immer genau an GefĂĽhle, an Wahrgenommenes, mein Erinnerungstraum erhält Farben durch Emotionen, die ich mitgenommen habe, wirkt fröhlich oder bedrohlich oder langweilig durch Empfindungen, die mir geblieben sind, bleiben bis heute.

Vielleicht ist es ein Spiegel dessen, wie ich bin, wie ich funktioniere in dieser wachen Realität. Wenig Fokus auf Umgebung, wenig hinschauen, mehr herausfühlen. Spüren, wie die Welt heute aussieht.

Von klein auf hatten Menschen in meinen Träumen keine Gesichter. Meistens haben sie auch keine wirklichen Köpfe, oder nur verschwommen, oder strichmännchenhaft und fliessbandgleich Unbedeutend. FĂĽr mich war – ist – das normal. In der Therapie wurde mir erklärt, dass es daran liegt, dass ich Menschen in wachem Zustand nie in die Augen schaue. Traummenschen sind welche, die uns, wenn wir wach sind, begegnen, meist aber Passanten, Hintergrundwesen die wir nicht bewusst wahrnehmen, die aber fĂĽr Träume recycled werden, weil unser Hirn nicht in der Lage ist, sich Menschen aus dem Nichts auszudenken. Deswegen gibt es auch keine wirklichen „Originale“ was gezeichnete Menschen angeht. Unsere Vorstellung gibt uns automatisch das Bild eines real Existierenden, wenn auch fĂĽr uns bewusst völlig Unbekannten.
Menschen, die andere nicht ansehen, haben entsprechend keinen solchen „Speicher“, weswegen in Träumen nichts wiedergegeben werden kann. Ich weiss nicht, ob das stimmt, ich habe es nie nachgeschlagen oder nach wissenschaftlicher Basis dazu gesucht. Alles, was ich weiss, ist, dass die Menschen in meinen Träumen keine Gesichter haben, nie hatten.
Ich spüre meist eher, wen ich um mich habe, oder sie tragen besondere Kleidungsstücke, die mein Gedächtnis eindeutig mit Person X verbindet, oft ist aber nicht mal das so.

Meistens haben die Menschen, von denen ich träume, auch körperlich-äusserlich wenig mit denjenigen zu tun, die sie im „wachen“ Leben sind, zu tun. Ich weiss dann, dass ist Person X, obwohl sie weder so gross ist noch in irgendeiner anderen Weise an X erinnert. Ich habe gelesen, dass das aber tatsächlich normal sein soll. FĂĽr einen Traum, das emotionale Verarbeiten ist es unerheblich, „wer“ da konkret steht, solange das unterbewusste Erleben weiss, „wer“ da steht. Irgendwie kompliziert. Aber auch interessant. Woran „erkenne“ ich jemanden, wenn ich ihn nicht „erkennen“ kann? Ich weiss, wer du bist, auch wenn du nicht du bist. Dazu muss ich auch immer an den Anime „Kororo Connect“ denken, und daran, dass dort die Frage aufgeworden wird, wer der Mensch ist, wenn er äusserlich ein anderer ist, und innerlich nie wusste, wer er war. Wenn ich immer nur Theater spiele, mich anpasse, und dann plötzlich in einem anderen Körper stecke – bin ich dann noch „ich“?

Aber vermutlich spielt das alles gar keine so grosse Rolle in Träumen. Vieles, was da logisch ist, erscheint höchst seltsam in wachem Zustand, wieso also nicht auch die Wahrnehmung von Menschen und ihrer Identität? Vermutlich spielt nichts eine wirklich grosse Rolle. Und doch.. ich träume. Ich träume und nehme wahr und erinnere mich Jahre später noch an dieses Gefühl, trage diese Emotionen mit mir herum und möchte manchmal weinen, weil es mir scheint, ich trage eine Überlast an vergangenen Gefühlen aus einer Zeit, einer Realität die nicht der entspricht, in der ich mich gerade befinde. Und mit jedem Jahr wird alles schwerer. Ich weiss noch nicht, wie ich loslasse. Aber ich will es lernen.

Ein bisschen leichter gehen. Ein bisschen weniger denken.

Das wäre schön.

Montag, 13. Februar 2023

Gezeitenmonolog

Das Leben hat beschlossen, kompliziert zu bleiben.
Auch wenn es Momente gibt, in denen ich mir denke, eigentlich, ja eigentlich kann es ein bisschen so bleiben.

Manchmal erinnere ich mich an Menschen und Gefühle und Erlebnisse, die mich glücklich gemacht haben, die positiv waren, und daran, dass das Meiste davon traurig geendet hat. Häufig, weil ich nicht damit umgehen konnte, nichts mit diesen positiven Gefühlen anzufangen wusste. Generell nichts mit Emotionen anzufangen wusste.

 Ich glaube, „GlĂĽck“ hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Ist nicht mehr so allumfassend, ĂĽberschwänglich ĂĽbergross, eher leise, eher zurĂĽckhaltend, aber dafĂĽr bleibend.
Ist es das, einer dieser  „Therapieerfolge“, die man erst nach längerer Zeit bemerkt? Erst, wenn man lange nicht mehr in der Situation ist, zurĂĽckblickt auf die hohen Wellen von FrĂĽher?
Vielleicht. Vielleicht hängt es aber auch mit dem Älterwerden zusammen, ich weiss es nicht. Ich kann nur schauen und fühlen und vergleichen und feststellen, dass ich heute anders fühle als damals.
Weniger „alles“, dafĂĽr mehr „konstant“. Und ich glaube, das ist gut so.

Es gibt immer noch so viele Baustellen, ich will so gerne abnehmen und Menschen besser verstehen, ich will so gerne wieder mehr lesen und stabil bleiben und weniger den Gezeiten meiner Seele ausgeliefert sein, alles Dinge, die möglich, aber nicht zwingend erfĂĽllbar sind. Vieles hängt auch von mir ab, das Meiste, wĂĽrde ich sogar behaupten. Aber manchmal bin ich so unendlich mĂĽde, mĂĽde davon, an mir zu arbeiten, mich zu pushen, weiterzukommen, zu klettern, manchmal nur zu kriechen, dann wieder 17-Meilen-Schritte, mal Barfuss durch Geäst, mal mit Schuhen durch Sand, aber manchmal eben auch umgekehrt, geschĂĽtzt durch die Dornen, fĂĽhlend ĂĽber den Strand. Schöne Dinge, traurige Dinge, EindrĂĽcke sammeln, sie einrahmen, jedem seinen Platz zugestehen, nicht wie frĂĽher entweder alles auf denselben Haufen schmeissen, oder aber trennen zwischen „gut“ und „schlecht“. Wahrnehmung annehmen, neutral, wertfrei. Manchmal ist das mehr, als ich leisten kann. Manchmal geht das gut.

Manchmal ist mir das alles zu blöd und ich denke mir, ich bleibe wer und wo und wie ich bin, will keinen Schritt mehr tun, niemand mehr sein, nichts verstehen. Und dann gehe ich trotzdem wieder weiter.

Stabilität. Mich selber und mein Leben nicht auf den Ruinen meiner vorherigen Versuche aufbauen, sondern mit den Ruinen, aus den Ruinen, weil alles ein Teil von mir ist, auch das, was niedergetrampelt, niedergebrannt wurde. Weil jeder Stein, mit all seinen Ecken und Kanten eine Daseinsberechtigung hat, weil ich nicht vergessen will, wer ich war, wer ich bin, dass ich manchmal nicht weiss, wer ich bin, und dann neue, noch etwas polierte, noch etwas unbeschadete Bauteile nehmen, kombinieren, und irgendwo dazwischen etwas finden; Stabilität. Grund bewässert mit Liebe, beschienen mit Gutmütigkeit, umgegraben mit festem Willen. Und dann Stein um Stein um Stein aufgebaut, was ich bin, wer ich bin. Ich.

Zwischendrin kurz innehalten – das ist okay. Es ist okay, dass ich manchmal mĂĽde davon bin. Aber ich will trotzdem weitermachen. Weil ich irgendwann, irgendwann in ferner Zukunft dieses Haus, dieses Kunstwerk gerne sehen möchte: Ich. Weil ich mich selber irgendwann gerne sehen möchte.

Irgendwann.