Donnerstag, 28. September 2023

24 Windows: Pillar of Salt

 Ich mache für Linus einen Adventskalender mit 24 Buchempfehlungen. Also, ich gestalte einen Umschlag und pack einen Zettel rein, auf den ich die Buchempfehlung mit n bisschen Text und so schreibe.

Wir haben ein Buch gelesen von einem Literaturkritikerdude, der über 100 "lesenswerte" Bücher schreibt und das habe ich als Idee für den Kalender genommen. (Ausserdem ist er sehr... selektiv was Essen angeht, weswegen Knabberkram-Süssigkeiten auch nicht so praktisch sind)

Aber, ob es nun die Auswahl der Werke selber ist, die Gestaltung der Umschläge oder das Schreiben des Textes, ich komme einfach nicht drum rum, dass es so getränkt ist von meinen eigenen Ansichten und all dem, was ich mitbringe. Ich schreibe und verliere mich plötzlich in den Zeilen, weiss nicht mehr, ob das jetzt noch objektiv ist oder schon so sehr aus meiner Sicht heraus, dass es nur noch verzerrt ist. Und ich frage mich: Will er das überhaupt lesen? Setzt diese ganze Idee nicht voraus, dass er ein irgendwie geartetes Interesse an meinen Ansichten hat, was, wenn dass so gar nicht der Fall ist? Was, wenn ich mich komplett überschätze und das weder lesenswert noch irgendwie ansatzweise... passing ist?

Und trotzdem schreibe ich weiter, irgendwie getrieben, irgendwie verzweifelt, irgendwie hoffend, dass es ankommt. Und ich lerne über mich selber, ich lese was ich geschrieben habe und kann mich etwas besser sehen, für einen Moment nur, bevor ich wieder völlig verschwinde, verschwimme vor meinem inneren Auge, irgendwo zwischen Farben, Text und Ideen. 

Pillar of Salt von Shirley Jackson macht den Anfang. Vorhang auf, für ein Ich aus Salz, aus Sand, wie in "Homunculus", ohne eigene Form, ohne Verständnis für Form, eine, die mir nicht schon vorgegeben wird.
Der Wahnsinn wie selbstverständlich verwoben mit dem Alltag, alles, was ich sehen kann, alles, was ich nicht sehen kann, nur fühlen, erfühlen, ertasten, aber niemals verstehen.
Angst hinter Fassaden, Wahn hinter Zeilen.

Also sind es irgendwie mehr Fenster in Umschlägen als Buchempfehlungen. Ich hoffe, er mag auch diese.

#1: Pillar of Salt von Shirley Jackson



Montag, 25. September 2023

Silverdew

Ich struggle so hart mit Rückmeldungen die ich auf Arbeit erhalte. Einen Hinweis, dass etwas nicht in Ordnung ist oder anders ablaufen muss, nicht direkt als komplette Absage an mich als Person zu sehen fällt mir unheimlich schwer, und entsprechend stehe ich meist ziemlich unter Strom. Sich keine Fehler erlauben, weil diese, egal wie gross oder klein, mich direkt in den Konflikt mit mir selber schicken, und das Erledigen der Arbeit dann komplett verunmöglichen.

Ich weiss nicht recht, wie ich das balanciert kriege, wie ich Rückmeldungen eben als das einordne: Rückmeldungen. Verbesserungsvorschläge, Hinweise, worauf ich gut achten muss, und nicht als ein „du bist scheisse und eigentlich kannst du auch direkt gehen“. Ich weiss nicht, woher dieser kindische Zwang kommt, immer sofort alles hinschmeissen zu wollen, glauben es zu müssen, wenn etwas nicht richtig war oder hätte besser gemacht werden können. Die Einbahnstrasse in meinem Kopf, die von „Das hast du nicht zu 100 so gemacht, wies sein soll“ zu „guess I’ll set myself on fire then“ führt ist so unfassbar gut befahren, dass es mir unmöglich scheint, davon abzukommen.

Aber genau das muss ich; neue Wege gehen, neue Strassen bauen. Aber noch weiss ich nicht, wo diese neue Strasse durchführt, weil ich noch nicht weiss, wie ich anders damit umgehen kann. Was für Möglichkeiten ich überhaupt habe und was ich damit anstelle.
Den Fehler einsehen, mich entschuldigen, Notizen machen, damit das nicht wieder passiert – und emotional? Was mache ich mit der Situation? Wie verhalte ich mich?

Alltagshürden.

Freitag, 1. September 2023

0,0135

Ich stosse mich an Menschen und vor allem an mir selber. Ich versuche zu sein, zu werden, zu reden, zu verstehen, ich versuche zu wachsen und Schritte zu gehen, und manchmal geht das. Selten, meist eher unbeholfen, mehr learning through faults, reines try and error, sich stossen und merken, dass es da nicht lang geht. Und dann geht’s da plötzlich doch lang, bei jemand anderem, jedes Labyrinth aus Persönlichkeit und Interaktion ein ganz eigenes, mit eigenen Dead Ends, Stages, eigenen Techniken um sie zu meistern.
Ich hasse Labyrinthe, ich hasse alles, manchmal.
Ich wünsche, dass es einfach mal reicht, dass ich irgendwann die Irrungen und Wirrungen deiner ganz persönlichen Mauern kenne, dass ich irgendwann verstehe, sehe wo ich durch muss, durch darf ohne gegen Wände zu rennen, ohne mich an dir, deinem Wesen zu stossen.
Manchmal wünsche ich mir, das alles wär nicht so kompliziert.

Menschen treffen ist ihr ganz persönliches Buch in die Hand zu nehmen und erstmal festzustellen, dass man gar nichts versteht. Weder die Sprache, in der es geschrieben ist, noch die Logik der Seitenaufteilung, der Interpunktion, nicht einmal, wie rum dieses vermaledeite Buch gehalten wird. Einfach gar nichts. Nach und nach dann dahintersteigen, erkennen wo oben und unten ist, entdecken, wie die Seiten zusammenhängen, funktionieren, verstehen was da steht. Und manchmal merkt man; das, was da steht, dieser Inhalt, ist genau mein cup of tea. Oder eben auch nicht.
Menschen kommen und gehen, und jeder bringt alles mit, alles, was er ist, fühlt, denkt, sieht, alles was ihn ausmacht, und all das will gesehen, verstanden werden.

Ich bin so unendlich müde. Ich verstehe gar nichts. Ich erkenne gar nichts. Jedes Mal, wenn ich glaube, zu wissen, was ich da lese, welchen Weg ich grade gehe, steht da wieder eine neue Wand, eine neue alte Wand, die mir die Sicht nimmt, die Sicherheit zu wissen, woran ich bin. Dann ist da plötzlich, mitten im Text ein Zeichen, ein Buchstaben, Etwas, etwas was ich nicht lesen kann, nicht verstehe. Nicht verstehe. Und ich merke, ich verstehe gar nichts. Nicht dich, nicht mich und nicht, wie das alles zusammenhängt. Und ich verstehe nicht, wie andere sich immer und immer und immer wieder aufraffen, um aufs Neue Wege zu gehen, die sie nicht kennen, Zeilen zu entziffern, die ihnen so fremd sind.
Wie.
Warum.
Warum?
Für den Menschen. Für Nähe, für Wärme auf Distanz. Für den Menschen vor mir. Weil ich wissen will, was in deinen versteckten Ecken steckt, weil ich wissen will, wie du die Welt siehst. Weil ich verstehen möchte, weil ich dich verstehen möchte.
Weil es eben immer weiter geht, nie aufhört. Weil ich eben nicht aufhören möchte, egal wie müde ich bin.
Egal, wie müde ich bin?
Egal.
Ich sehe dich.
Ich verstehe dich nicht, nicht immer. Aber ich sehe dich. Und manchmal, ganz manchmal, ist das, für eine kleine lange Weile okay.

Bitte, lauf nicht davon. Ich ruhe nur.
Ich bin da.
Ich bleibe, wenn du mich lässt.
Versprochen.

Menschen machen mich so unendlich müde.