Ich liebe mein Buch der Wunder. Meine Erinnerungsenzyklopädie, mein Brockhaus meines Lebens.
Jede Seite ist ein Puzzleteil die im Ganzen mich ergibt, so viele Kleine und Grosse Gefühle die darin stecken. Manches bringt mich zum lächeln, manches zum weinen, manches macht mich melancholisch und manches ein bisschen stolz.
Dieses Buch, diese BĂĽcher sind mein Ich, zusammengefasst auf immer mehr Seiten.
Manchmal schlage ich zufällig eine Seite auf und erinnere mich. An den Moment, den Ort, die Person, den Tag.
Ein Eintrag, der mich jederzeit zum Lächeln bringt sind die zwei Dreads in einem kleinen Zip-Beutelchen.
Die Dreads, die mir Fiore eingehäkelt (??) hat.
Ich erinnere mich an den Abend, halbdunkel im Aufenthaltsraum der Station Pünt Nord in Littenheid. Die einzige Lampe ist die, die auf meinen Hinterkopf scheint. Es ist kalt draussen. Zwei Mitpatienten stehen auf dem Balkon und rauchen, durch die halboffene Tür dringt die Kälte in den Raum. Das macht aber nichts, wir haben Decken und Kissen die Warmhalten.
Im Fernsehen läuft eine Doku über russische Nationalisten, irgendwas sehr Verwirrendes mit für meinen Geschmack zu viel Gewalt.
Fiore sitzt hinter mir auf der Lehne des Sofas, ich spühre seine Schienbeine an meinem Rücken. Seine Hände fahren mir durchs Haar und werkeln mit dem kleinen Häckchen, manchmal zieht es ein bisschen, aber das ist okay. Neben uns sind noch zwei weitere Mitpatient*innen, ab und an kommentiert jemand das gesehene.
Es ist friedlich. Ruhig. Entspannt. Ein bisschen Wehmut liegt in der Luft - morgen ist Austritt. Nach eine langen, langen Zeit hier zurĂĽck in das Leben da draussen, anwenden was man hier gelernt hat. Mitnehmen was geht, emotional und zwischenmenschlich - und eben auch frisurentechnisch.
Diese Dreads werden ein Andenken sein. Nicht nur an diesen Ort hier sondern auch an den Menschen der sie mir gemacht hat, an Fiore. Wir werden nach dem Austritt nicht weiter Kontakt haben. Das wissen wir beide. Das ist aber nichts Schlimmes - es ist eben so. Ein bisschen traurig, man verstand sich ja gut, aber in Ordnung so. Manche Menschen sind nicht dazu bestimmt zu bleiben. Ich nicht in seinem und er nicht in meinem Leben. Ich weiss nicht recht, wie ich das beschreiben soll - eine merkwĂĽrdige Art von Freundschaft. Ist das Freundschaft? Ich weiss es nicht. Es spielt aber auch keine Rolle.
4 Jahre ist das jetzt her. Seither habe ich nichts mehr von Fiore gehört.
Aber jedes Mal, wenn ich die Dreads in dem Beutelchen in meinem Buch der Wunder sehe, muss ich lächeln.
Lieber Fiore
Das hier ist kein Brief. Denn es gibt nichts unausgesprochenes zwischen uns. Danke, dass du ein kleines WegstĂĽck mit mir gegangen bist. Danke fĂĽr die Zeit.
Ich erinnere mich gerne an dich.
Ich erinnere mich an dich.
Alles Gute,
Jin