Mittwoch, 28. September 2022

Edgerunner

 Ich sage zwar, dass es stinkt, aber eigentlich.. werde ich im Moment so reich beschenkt vom Leben.

Am 19. Oktober starte ich meine neue Stelle. Ich habe einen Job. Ich habe endlich einen Job. Einen, der mir nicht aus Mitleid gegeben wurde, einer, der mir nicht von irgendwem zugewiesen wurde, einer, wie es tausende da draussen gibt - ein Stück Normalität in meinem sonst selten "ganz normalen" Leben.
Ein Stück Normalität, dass ich mir selber erarbeitet habe. Selber beworben, selber zum Bewerbungsgespräch, selber überzeugt.
Niemand hat für mich gesprochen, gute Worte eingelegt, niemand hat mich darauf hingewiesen, mir gesagt, was ich schreiben und sagen soll. Niemand hat mich zurechtgezupft, damit ich in diesem "Draussen" auch ja Anschluss finde. Nichts retouchiert, nichts überblendet oder schöngeredet.
Ich, als das Ich, dass ich aktuell bin, mit all den Ungewöhnlichkeiten und all den ganz normalen Normalitäten. Ich.

Natürlich ist vieles ein bisschen anders als "normal". Ich bin erst sechs Monate per Arbeitsversuch da, die IV zahlt meinen Lohn und so ein bisschen ist da halt schon noch "Ausnahme".
Aber ich glaube, das ist okay. Auch das gehört zu diesem Ich, das jetzt grade hier sitzt. Es ist okay, dass ich in verschiedenen Facetten leuchte, dass ich manchmal gar nicht leuchte.
Es ist okay, dass die Umstände halt ein bisschen.. umständlicher sind.

Und doch, ich will eigentlich nur Normalität. Das, was für diesen mysteriösen "Grossteil" der Menschen Normalität ist. Einfach ein kleines Leben.
Und ich glaube, ich bin unterwegs dahin. Halt etwas langsamer als andere, aber unterwegs. Und für den Moment ist das alles, was ich mir wünsche.

Ich habe unfassbar Angst vor dem Stellenantritt.
Aber es ist okay. Neue Dinge sind nicht mein strong suit.
Aber es ist endlich okay. Weil ich weiss, dass ich das schaffen kann.
Ich stelle mich der Situation dann, wenn sie da ist. Und bis dahin.. geniesse ich ein kleines bisschen das Gefühl, ganz alleine - nicht ganz, aber doch, irgendwie alleine - diesen kleinen riesigen Schritt in Richtung eines Lebens, das ich mir wünsche, getan zu haben.

Danke, dass ich das erleben darf.
Danke.

Dienstag, 20. September 2022

Herr Unangenehm

Wundervoll, er spielt 100 Rollen: Schauspieltalent
Einziges Problem ist, dass er sich jetzt auch nicht mehr kennt
Vor lauter Ichs ein frei austauschbarer Mensch

Tua - Feindbild



Meine Welt besteht aus Gegensätzen, und es scheint egal wie sehr ich mich auch um eine Mitte bemühe, sie will einfach nicht gelingen, diese Mitte. Es reicht halt nicht aus, zwischen Gute Nacht, PunPun und Sparkly Lion Boy einfach Sweetness & Lightning zu stellen. Zwischen 1984 und Bis(s) zum Morgengrauen diesen echt weirden japanischen Roman über einen Insektensammler in der Wüste, dessen Name ich vergessen habe, zu platzieren. Symbolisch okay, aber gefühlt? Der Mitte in mir drin ist das egal. Mein Herzschlag-Metronom, dieses niemals stillstehende, zu beiden Seiten ausschlagende Gerät, tick tick tick, tick tack, der Pendel meiner Seele, im zick-zack dazwischen, irgendwo, Ich.

Ganz nach dem Motto «Stillstand bedeutet das Ende» kann auch ich nicht aufhören, immerzu die Seiten zu wechseln, Dinge umherzuschieben, zu werfen, mich selbst umherzubewegen und niemals niemals stehenbleiben – schon gar nicht mittig. «Schwarz-Weiss» denken, die grosse Überschrift, der Aufhänger vieler literarischen Werke, die sich mit meiner Erkrankung auseinandersetzen. BPD – das Leben in Extremen, in Schwarz und Weiss.

In mir ist nichts Schwarz und Weiss. Der Nachthimmel ist Schwarz und Schnee ist weiss, Bücher die ich lese sind Schwarz auf Weiss, aber ich selber? Ich bin nichts so eindeutiges, habe keine klaren Outlines, nichts, was mir mit Kontrast dabei hilft, hervorzustechen.

In mir drin gibt es viele Farben oder gar keine. Ohrenbetäubendes Bunt, totenstilles Nichts, Ganz oder gar nicht – schon eher. Auch wenn «gar nicht» nicht auf derselben Skala stattfindet wie «Ganz». Es sind keine Pole, keine Enden derselben Linie, mir scheint, als existierten beide Zustände in verschiedenen Universen. Als existierte ich in verschiedenen Universen. Jede Emotion eine andere Welt, ein anderes Ich, jeder Moment eine andere Version von mir selber. Tausendfach, Millionen Mal Ich, nicht gespiegelt, eher nachgezeichnet, nicht identisch, aber beinah. Jede dieser meiner Versionen ist als Ich erkennbar, aber trägt doch auch eindeutig die Handschrift des jeweiligen Künstlers, ich, die Idee, die Ausführung.. ich weiss es nicht.

Manchmal weiss ich es einfach nicht. In welchem dieser Ichs stecke Ich? Welche dieser abertausend Seelen ist meine, wirklich, wahrhaftig die, die ich bin? Sind sie es alle, bin ich die Summe dieser Karikaturen, bin ich nicht eins, sondern alle?

Steckt in jeder dieser Abbilder ein Stück meiner Seele? Und sind diese Stücke im Kern alle gleich?
Kann ich mir aussuchen, wie auf Hochglanzbildchen, in Prospekten, welches Kleid ich heute tragen will, welche Seele ich heute nutzen möchte?
Mir die ansehnlichste herauspicken, mit meinen Augen, meinem Empfinden; heute mal so tun als wäre ich Ich?

Heute mal so tun, als wäre ich. 

Wer wäre ich, wenn ich nicht jeden Tag aufs Neue nach mir suchen müsste?
Wer bin ich?