Freitag, 30. Juli 2021

Licht

Ich bin dünnhäutig, kaum Papier bedeckt mich, jeder Hauch, jeder kleinste Pieks dringt direkt zu mir durch, und ich habe Mühe all diese Gefühle zu sortieren und wegzupacken.

Wenn ich lese erspüren meine Fingerspitzen die Leidenschaft und die Zeit die in diese Bände investiert wurde, in jeder Linie, jedem einzelnen Punkt steckt so viel Liebe dass ich überfliesse und minutenlang nicht weiterlesen kann, diese Figuren anstarre die so so geliebt werden. Nicht untereinander sondern von ihren Urhebern, den Verlagsleuten, den Lizenzzuständigen, all den Fans.

So viel Begeisterung, so viel Gefühl steckt in jeder einzelnen Seite das ich sie fast nicht umblättern kann, und ich möchte weinen ohne genau zu verstehen wieso.

Auch anderes - alles - ist mir so überbewusst. Jedes Kleidungsstück, jedes Lebensmittel - sie alle wurden hergestellt, geerntet, gepflückt, Maschinen bedient, verpackt - sie haben so viele Hände gesehen. Das ist mehr als ich fassen kann. Und dann stehe ich ewig lange vor der Aubergine und traue mich nicht, die Hand danach auszustrecken, meine kleine unbedeutende Endverbraucherhand, eine mehr in der Reihe aller Hände - all das zu tragen traue ich mir fast nicht zu.


Und immer wieder denke ich an Menschen, an die Menschen die ich kenne und kannte, die Menschen die schon so lange in mir wohnen, als Bild, als Zeichnung, als Empfindung einer Berührung oder dem Klang einer Stimme. Melodien, Bilder die sich niemals ändern, weil die Zeit für uns stehen geblieben ist. Menschen, die heute vielleicht ganz anders sind, aussen und innen, Menschen die so viel gesehen und erlebt haben in der Zeit seit unser Uhrwerk aufgehört hat zu ticken.

Ich erinnere mich an euch, und mein Kopf ist so voll mit Wörtern an euch, Briefe die ich schreibe um mein Herz ein bisschen leichter zu machen, aber immer wieder kommen die Gefühle angeschwemmt, ein niemals endender Strom aus Dingen, die ich euch mitteilen will. Ich weiss, dass es bei vielen nicht mehr geht. Das mir bei einigen das Recht fehlt, bei manchen der Mut.
Ich will mich entschuldigen, will erklären, mich bedanken. Und immer und immer wieder betonen: Ich habe euch nicht vergessen. Nie.
Es tut mir leid was alles war. Es tut mir leid - so vieles, das ich bereue, so vieles, das ich für immer behüten und beschützen werde. Ich habe euch nicht vergessen.
Lieber Robert, lieber Alex, lieber Benjamin, lieber Martin, liebe Simone, lieber Chris, liebe MoD, lieber Chrono, lieber Lasse, lieber Paddy, lieber Mark, liebe Sybille, lieber Vincent, lieber Sven, lieber Yami, lieber Ratte

Es ist so lange her.
Ich erinnere mich an euch.

Dienstag, 13. Juli 2021

Blütenblatt

 Ich habe so viele Briefe, die ich schreiben möchte. Briefe, die nur hier ihren Platz finden. Ungeschickte und ungeschickte Briefe.
Aber grade finden meine Finger den Zugang zu den Worten in meinem Herzen nur schlecht.

Der Sommer steht an, der Abschluss der zweiten Lehrjahres und der Anfang des dritten, letzten. Eine Zeit voller letzter Male bricht an. Die letzten Sommer-Betriebsferien. Der letzte Abteilungswechsel. Die letzte Schulwoche mit zwei Schultagen. Die letzte IKA-Lektion.
Später - der letzte Herbst. Der letzte Winter. Das letzte Weihnachten in dieser Wohnung. Das letzte Wochenprotokoll schreiben, die letzte Semesterarbeit.
Ich fürchte mich davor.
Letzte Male machen mir Angst, fast mehr noch als die ersten Male.
Mein Kopf, der am Besten funktioniert wenn Dinge ihren gewohnten Lauf gehen, wenn ich mich auf den Rhytmus meines Alltages verlassen kann, streikt, beim Gedanken an all diese Veränderung.
Und doch, all diese Dinge passieren laufend um mich herum, viele ohne das ich sie bewusst bemerke. Das letzte Mal Produkt X gekauft - weil es danach aus dem Sortiment verschwindet. Das letzte Mal Ort Y besucht - weil ich danach plötzlich keine Verbindungen dahin mehr habe.
Das letzte Mal meinen Lieblingsstift benutzt, weil er dann plötzlich leer oder kaputt geht.

Manchmal macht mich dieser Gedanke verrückt.

Was bleibt? Sich auf das berufen, was bleibt. Das, was nicht geht, kein letztes Mal, kein erstes Mal, clockwork-rhytmisch immer gleich.
Schritte, immer weiter.
Bücher, die um mich herum stehen und liegen, aufgetürmt und eingeräumt, meine Fixpunkte und ich, mitten drin. Die Bettwäsche, die immer gleiche, nach dem Waschen direkt wieder drauf - damit es immer gleich bleibt.
Kleine Dinge, die geflochtenen Armbänder von meiner Schwester und von Yasi, die ewig halten, mich verankern in Momenten in denen ich wegzufliessen drohe.
Die Tattoos, ohne Licht doch Flutscheinwerfer, erhellen den Leermond in mir.
Und immer wieder Bücher. Bücher - hauptsächlich Manga - überall, immer mit dabei, überall, jederzeit.
Felsen sein. Gestein, stetig geschliffen und zurechtpoliert, Felsen sein in den ever-changing Wogen.

Sein.