Mittwoch, 28. April 2021

Papaya

 Lieber Bryn, lieber Schweri, lieber Laphi

Ihr seid ein Wunder.

Danke <3

Samstag, 24. April 2021

Neonlicht

 Und an Tagen wie diesen fühlt es sich an, als wäre ich keinen Schritt weitergekommen. Keine Sekunde älter geworden, keine einzige Erfahrung reicher.

Ich fühle mich wieder wie das kleine Kind, dass nur wenige Freunde hat, weil es nicht weiss, wie es mit Menschen umgehen soll, dass viele vor den Kopf stösst, weil es Kommunikationsschwierigkeiten hat und nicht zuletzt überhaupt keinen Bezug zu sich selber herstellen kann.
Das kleine Kind, das spätabends Wörterbücher liest, in der Hoffnung, ein schlauer Mensch zu werden und die Eltern stolz zu machen, so wie die grosse Schwester mit ihren vielen schönen Wörtern.
Das kleine Kind, das nicht versteht, warum es nicht mitten in der Nacht singen darf, wenn ihm doch danach ist, das nicht versteht, warum alle so wütend sind, wenn es klaut, weil es nicht versteht, was dahinter steckt.
Das kleine Kind, welches glaubt, dass es lügen muss um für Menschen interessant zu sein. Das aber nicht lügen kann und deshalb doppelt aneckt.
Das kleine Kind mit dem offenen Herzen und der grossen Neugierde aufs Leben, der untrüglichen Ehrlichkeit eines jeden, der nichts sein kann als sich selbst, weil es gar nicht weiss, wie es anders ginge.
Das kleine Kind, das sich selbst oder andere angeht, weil es nicht weiss, wie es mit dieser Übermacht an Wahrnehmung umgehen soll, die ihm die Welt gibt.
Das kleine Kind mit der grossen Freude und der grossen Trauer in sich.
Das kleine Kind, das Putzmittel trinkt in der Hoffnung, dass diese übergrossen Gefühle, diese unglaubliche Qual dadurch ein Ende hat.
Das kleine Kind, das mit all dem so unendlich alleine ist.

Ich fühle mich wie der Teenager, der schon jahrelang Erfarung darin gesammelt hat, sich dem sozialen Gefüge anderer anzupassen.
Der Teenager, der irgendwann, irgendwie den Kontakt zu sich selber verloren hat, all diese Gefühle und Empfindungen tief vergraben, um weniger aufzufallen.
Der Teenager, der nicht besonders schlau ist und sich immer im Schatten seiner klugen Geschwister sieht.
Der Teenager, der Tag für Tag für Tag mit sich selber und der Welt hadert, der mit jeder Minute mehr überzeugt ist, dass die Welt besser dran wäre ohne ihn.
Der Teenager, der das Internet entdeckt und zum ersten Mal in seinem Leben Zuspruch von erwachsenen Personen erhält.
Der Teenager, der Nacht um Nacht in Foren und Chats zubringt und sich zum ersten Mal verstanden fühlt. Verstanden und wahrgenommen, gehört.
Der Teenager, der manchmal so gelähmt ist vor Angst, dass er keine Station mit dem Zug fahren kann ohne Attacken wie Wellen aus eiskalter Lava.
Der Teenager, der jede Mittagspause draussen auf der Bank in diesem Park verbringt, wo keiner sieht, das er heimlich ein Joghurt isst, obwohl er doch nicht essen darf - es nicht verdient hat, nicht sollte.
Der Teenager, der innerhalb weniger Wochen fast 20 Kilo abnimmt und in seiner alles herausschreienden Qual doch ungesehen bleibt.
Der Teenager, der Grenzen so ganz anders austestet als andere in seinem Alter, der Streit sucht und immer findet, der nichts anderes zu tun weiss, als seine Wut und Trauer hinauszuschleudern, ohne Rücksicht auf Verluste.
Der Teenager, der sich so weit von sich selber und seinen Gefühlen entfernt dass es nur noch wenig Kontrolle über sich selber hat.
Der Teenager, der sich Rasierklingen bis auf die Knochen in den Arm, die Beine, die Schultern schlägt.
Der Teenager, der sich selbst so sehr hasst, dass er alles um sich herum torpediert, was auch nur annähernd helfen will.
Der Teenager, der sich in seiner Uneinsichtigkeit so vieles verbaut und versaut, der sich weigert, an sich zu arbeiten und sich verstehen zu lernen.
Der Teenager, der keinen Ausweg für sich mehr sieht und wahllos Tabletten aus dem elterlichen Arzneikistchen schluckt.
Der Teenager, der trotzdem wieder aufwacht und sich ganz sicher ist: Es wird niemals enden.

Ich fühle mich wie der junge Erwachsene, der Schritte in ein eigenes Leben gehen soll, ohne wirklich ein Leben zu haben.
Der junge Erwachsene, der keine Ausbildung, keine Schule durchziehen kann, weil er in seiner Instabilität immer wieder abrutscht.
Der junge Erwachsene, der längst verstanden hat, dass er, und nur er alleine etwas ändern kann und das so verzweifelt versucht.
Der junge Erwachsene, der Therapie um Therapie macht, Klinikaufenthalt um Klinikaufenthalt, Text um Text schreibt in der Hoffnung, den Zugang zu sich selber zu finden, sich selbst zu verstehen.
Der junge Erwachsene, der sich so schämt dafür, dass er nicht früher verstanden hat, wie wichtig es ist, sich selbst zu reflektieren und an sich zu arbeiten.
Der junge Erwachsene, der sich Heftklammern in die Haut jagt, als Strafe, als Gerechtigkeit für die anderen, als Busse.
Der junge Erwachsene, der einsehen muss, dass dieser von ihm über alles geliebte Beruf nichts ist, was er bewerkstelligen kann.
Der junge Erwachsene, der noch nichts erreicht und nichts vollbracht hat ausser alles zu zerstören, was ihm lieb und teuer gewesen ist.
Der junge Erwachsene, der genau weiss - einen Schritt weiter von hier aus führt in vor das nächste Auto oder noch besser; auf die Gleise weiter unten.
Der junge Erwachsene, der keine Zukunft sieht, keine Zukunft kennt, der so in sich gefangen ist, in diesem Körper, diesem Wesen das er weder kennt noch versteht.

Heute bin ich fast dreissig, schon lange nicht mehr in Foren und dergleichen aktiv, und doch komme ich nicht umhin, oft daran zurückzudenken, an dieses Zuhause, das mir geschenkt wurde, meiner aufgewühlten, überemotionalen Seele.
Ich denke daran zurück und fühle, ich bin keinen Schritt weitergekommen.
Ich bin noch immer da und komme nicht weg, ich bin noch immer so belastet von all dieser Zeit und stehe mir selber im Weg,
um endlich weiterzugehen.
Ich fühle, ich tue nicht genug. Es reicht nicht. Ich reiche nicht.

Ein erster Schritt - mein Name - mein wunderbarer, wundervoller Name, den ich tragen darf, ein Lichtblick, ein kleines bisschen mehr Freiheit und unbelastet-sein.
Ein zweiter Schritt - anerkennen, dass ich Hilfe brauche. Mehr Hilfe, als ich mir selber geben kann, beim Wohnen, beim Arbeiten, beim Sein.
Ein dritter Schritt - niemals aufhören, an mir zu arbeiten. Die Bereitschaft, die Erkenntnis und Akzeptanz, dass ich vielleicht ein Leben lang werde an mir arbeiten müssen. Charakter meiner Erkrankung, verstehen wie ich funktioniere und entsprechend reagieren.
Verstehen, wie ich mich reguliere und zurechtfinde in dieser Welt, die nicht darauf ausgelegt ist, dass man ein bisschen anders ist.
Verstehen, was zu viel ist, was geht, was möglicht gemacht werden kann.
Entschuldigen, Busse tun auf eine vernüftige Art, für all die Menschen, die ich verletzt und verloren habe.
Dankbar sein, so unendlich Dankbar für all die Menschen, die mir erhalten geblieben sind, die bis heute an meiner Seite mein Leben mit mir bestreiten. Die mich nehmen wie ich bin, die mich in all meinen Facetten wahr- und annehmen. Die mich sie innigst lieben lassen.

Vielleicht - nur vielleicht bin ich doch ein bisschen weiter. Ein winziger, beinah unsichtbarer Schritt, ein Schrittchen richtung Zukunft.
Vielleicht, ganz vielleicht, so denke ich mir, hat sich einiges verändern dürfen.
Stabilität einkehren, ruhe finden, Blumensaaten aufkeimen dürfen.
Auf dem Kriegsruinenfeld des Lebens Blumen pflanzen lernen - das, was ich will, das ich anstrebe, aus all der dunklen Zeit ein Licht erstellen, aus gebrochenem Glas, aus Patchworkstoff, aus Gerüsten voller Scharten und Unebenheiten, rostig, fleckig, aber da.
Ein Lichtlein - all die Ziele, die ich schon erreichen durfte, Erfahrungen, die ich überschreiben konnte - eine Persönlichkeit entwickeln und annehmen. Vielleicht mehr als nur ein Schrittchen, ein Schritt - Schritte, die ich gegangen bin. Mein Weg, mein Leben - in eine Zukunft.

Schritt für Schritt für Schritt, mich selber annehmen, die wunderschöne Fähigkeit, in der kleinsten Kleinigkeit die grösste aller Freuden zu finden, die ermüdende Tatsache, in der kleinsten Nichtigkeit den Abgrund alles Elends zu treffen.
Gefühle in all ihren Farben und Intensitäten, die Schönheit der menschlichen Natur sehen, verstehen, annehmen.
Irgendwann hoffentlich weiterkommen, im Geiste, im Herzen. Das kleine Kind tröstend, den Teenager annehmend, den jungen Erwachsenen ermutigend.

Und vor allen Dingen: Leben wollen.

Montag, 5. April 2021

Windspielstille

Windspiel-
klingeln
in dieser
Stille
umarmt
mein Herz
ganz fest

Windspiel-
an der Tür
Windfang
-Wildfang
fängt
mich kurz ein

Kurz innehalten
nur
einen Moment
und dem
Klingeln
lauschen

Windspiel-
klingeln
klingelt
tief
in mir
drin.