Und an Tagen wie diesen fühlt es sich an, als wäre ich keinen Schritt
weitergekommen. Keine Sekunde älter geworden, keine einzige Erfahrung
reicher.
Ich fühle mich wieder wie das kleine Kind, dass nur wenige Freunde hat,
weil es nicht weiss, wie es mit Menschen umgehen soll, dass viele vor
den Kopf stösst, weil es Kommunikationsschwierigkeiten hat und nicht
zuletzt überhaupt keinen Bezug zu sich selber herstellen kann.
Das kleine Kind, das spätabends Wörterbücher liest, in der Hoffnung, ein
schlauer Mensch zu werden und die Eltern stolz zu machen, so wie die
grosse Schwester mit ihren vielen schönen Wörtern.
Das kleine Kind, das nicht versteht, warum es nicht mitten in der Nacht
singen darf, wenn ihm doch danach ist, das nicht versteht, warum alle so
wütend sind, wenn es klaut, weil es nicht versteht, was dahinter
steckt.
Das kleine Kind, welches glaubt, dass es lügen muss um für Menschen
interessant zu sein. Das aber nicht lügen kann und deshalb doppelt
aneckt.
Das kleine Kind mit dem offenen Herzen und der grossen Neugierde aufs
Leben, der untrüglichen Ehrlichkeit eines jeden, der nichts sein kann
als sich selbst, weil es gar nicht weiss, wie es anders ginge.
Das kleine Kind, das sich selbst oder andere angeht, weil es nicht
weiss, wie es mit dieser Übermacht an Wahrnehmung umgehen soll, die ihm
die Welt gibt.
Das kleine Kind mit der grossen Freude und der grossen Trauer in sich.
Das kleine Kind, das Putzmittel trinkt in der Hoffnung, dass diese
übergrossen Gefühle, diese unglaubliche Qual dadurch ein Ende hat.
Das kleine Kind, das mit all dem so unendlich alleine ist.
Ich fühle mich wie der Teenager, der schon jahrelang Erfarung darin gesammelt hat, sich dem sozialen Gefüge anderer anzupassen.
Der Teenager, der irgendwann, irgendwie den Kontakt zu sich selber
verloren hat, all diese Gefühle und Empfindungen tief vergraben, um
weniger aufzufallen.
Der Teenager, der nicht besonders schlau ist und sich immer im Schatten seiner klugen Geschwister sieht.
Der Teenager, der Tag für Tag für Tag mit sich selber und der Welt
hadert, der mit jeder Minute mehr überzeugt ist, dass die Welt besser
dran wäre ohne ihn.
Der Teenager, der das Internet entdeckt und zum ersten Mal in seinem Leben Zuspruch von erwachsenen Personen erhält.
Der Teenager, der Nacht um Nacht in Foren und Chats zubringt und sich
zum ersten Mal verstanden fühlt. Verstanden und wahrgenommen, gehört.
Der Teenager, der manchmal so gelähmt ist vor Angst, dass er keine
Station mit dem Zug fahren kann ohne Attacken wie Wellen aus eiskalter
Lava.
Der Teenager, der jede Mittagspause draussen auf der Bank in diesem Park
verbringt, wo keiner sieht, das er heimlich ein Joghurt isst, obwohl er
doch nicht essen darf - es nicht verdient hat, nicht sollte.
Der Teenager, der innerhalb weniger Wochen fast 20 Kilo abnimmt und in
seiner alles herausschreienden Qual doch ungesehen bleibt.
Der Teenager, der Grenzen so ganz anders austestet als andere in seinem
Alter, der Streit sucht und immer findet, der nichts anderes zu tun
weiss, als seine Wut und Trauer hinauszuschleudern, ohne Rücksicht auf
Verluste.
Der Teenager, der sich so weit von sich selber und seinen Gefühlen
entfernt dass es nur noch wenig Kontrolle über sich selber hat.
Der Teenager, der sich Rasierklingen bis auf die Knochen in den Arm, die Beine, die Schultern schlägt.
Der Teenager, der sich selbst so sehr hasst, dass er alles um sich herum torpediert, was auch nur annähernd helfen will.
Der Teenager, der sich in seiner Uneinsichtigkeit so vieles verbaut und
versaut, der sich weigert, an sich zu arbeiten und sich verstehen zu
lernen.
Der Teenager, der keinen Ausweg für sich mehr sieht und wahllos Tabletten aus dem elterlichen Arzneikistchen schluckt.
Der Teenager, der trotzdem wieder aufwacht und sich ganz sicher ist: Es wird niemals enden.
Ich fühle mich wie der junge Erwachsene, der Schritte in ein eigenes Leben gehen soll, ohne wirklich ein Leben zu haben.
Der junge Erwachsene, der keine Ausbildung, keine Schule durchziehen
kann, weil er in seiner Instabilität immer wieder abrutscht.
Der junge Erwachsene, der längst verstanden hat, dass er, und nur er alleine etwas ändern kann und das so verzweifelt versucht.
Der junge Erwachsene, der Therapie um Therapie macht, Klinikaufenthalt
um Klinikaufenthalt, Text um Text schreibt in der Hoffnung, den Zugang
zu sich selber zu finden, sich selbst zu verstehen.
Der junge Erwachsene, der sich so schämt dafür, dass er nicht früher
verstanden hat, wie wichtig es ist, sich selbst zu reflektieren und an
sich zu arbeiten.
Der junge Erwachsene, der sich Heftklammern in die Haut jagt, als Strafe, als Gerechtigkeit für die anderen, als Busse.
Der junge Erwachsene, der einsehen muss, dass dieser von ihm über alles geliebte Beruf nichts ist, was er bewerkstelligen kann.
Der junge Erwachsene, der noch nichts erreicht und nichts vollbracht hat
ausser alles zu zerstören, was ihm lieb und teuer gewesen ist.
Der junge Erwachsene, der genau weiss - einen Schritt weiter von hier
aus führt in vor das nächste Auto oder noch besser; auf die Gleise
weiter unten.
Der junge Erwachsene, der keine Zukunft sieht, keine Zukunft kennt, der
so in sich gefangen ist, in diesem Körper, diesem Wesen das er weder
kennt noch versteht.
Heute bin ich fast dreissig, schon lange nicht mehr in Foren und
dergleichen aktiv, und doch komme ich nicht umhin, oft daran
zurückzudenken, an dieses Zuhause, das mir geschenkt wurde, meiner
aufgewühlten, überemotionalen Seele.
Ich denke daran zurück und fühle, ich bin keinen Schritt weitergekommen.
Ich bin noch immer da und komme nicht weg, ich bin noch immer so belastet von all dieser Zeit und stehe mir selber im Weg,
um endlich weiterzugehen.
Ich fühle, ich tue nicht genug. Es reicht nicht. Ich reiche nicht.
Ein erster Schritt - mein Name - mein wunderbarer, wundervoller Name,
den ich tragen darf, ein Lichtblick, ein kleines bisschen mehr Freiheit
und unbelastet-sein.
Ein zweiter Schritt - anerkennen, dass ich Hilfe brauche. Mehr Hilfe,
als ich mir selber geben kann, beim Wohnen, beim Arbeiten, beim Sein.
Ein dritter Schritt - niemals aufhören, an mir zu arbeiten. Die
Bereitschaft, die Erkenntnis und Akzeptanz, dass ich vielleicht ein
Leben lang werde an mir arbeiten müssen. Charakter meiner Erkrankung,
verstehen wie ich funktioniere und entsprechend reagieren.
Verstehen, wie ich mich reguliere und zurechtfinde in dieser Welt, die
nicht darauf ausgelegt ist, dass man ein bisschen anders ist.
Verstehen, was zu viel ist, was geht, was möglicht gemacht werden kann.
Entschuldigen, Busse tun auf eine vernüftige Art, für all die Menschen, die ich verletzt und verloren habe.
Dankbar sein, so unendlich Dankbar für all die Menschen, die mir
erhalten geblieben sind, die bis heute an meiner Seite mein Leben mit
mir bestreiten. Die mich nehmen wie ich bin, die mich in all meinen
Facetten wahr- und annehmen. Die mich sie innigst lieben lassen.
Vielleicht - nur vielleicht bin ich doch ein bisschen
weiter. Ein winziger, beinah unsichtbarer Schritt, ein Schrittchen
richtung Zukunft.
Vielleicht, ganz vielleicht, so denke ich mir, hat sich einiges verändern dürfen.
Stabilität einkehren, ruhe finden, Blumensaaten aufkeimen dürfen.
Auf
dem Kriegsruinenfeld des Lebens Blumen pflanzen lernen - das, was ich
will, das ich anstrebe, aus all der dunklen Zeit ein Licht erstellen,
aus gebrochenem Glas, aus Patchworkstoff, aus Gerüsten voller Scharten
und Unebenheiten, rostig, fleckig, aber da.
Ein Lichtlein - all
die Ziele, die ich schon erreichen durfte, Erfahrungen, die ich
überschreiben konnte - eine Persönlichkeit entwickeln und annehmen.
Vielleicht mehr als nur ein Schrittchen, ein Schritt - Schritte, die ich
gegangen bin. Mein Weg, mein Leben - in eine Zukunft.
Schritt für Schritt für Schritt, mich selber annehmen, die wunderschöne
Fähigkeit, in der kleinsten Kleinigkeit die grösste aller Freuden zu
finden, die ermüdende Tatsache, in der kleinsten Nichtigkeit den Abgrund
alles Elends zu treffen.
Gefühle in all ihren Farben und Intensitäten, die Schönheit der menschlichen Natur sehen, verstehen, annehmen.
Irgendwann hoffentlich weiterkommen, im Geiste, im Herzen. Das kleine
Kind tröstend, den Teenager annehmend, den jungen Erwachsenen
ermutigend.
Und vor allen Dingen: Leben wollen.
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