Montag, 13. Februar 2023

Gezeitenmonolog

Das Leben hat beschlossen, kompliziert zu bleiben.
Auch wenn es Momente gibt, in denen ich mir denke, eigentlich, ja eigentlich kann es ein bisschen so bleiben.

Manchmal erinnere ich mich an Menschen und Gefühle und Erlebnisse, die mich glücklich gemacht haben, die positiv waren, und daran, dass das Meiste davon traurig geendet hat. Häufig, weil ich nicht damit umgehen konnte, nichts mit diesen positiven Gefühlen anzufangen wusste. Generell nichts mit Emotionen anzufangen wusste.

 Ich glaube, „Glück“ hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Ist nicht mehr so allumfassend, überschwänglich übergross, eher leise, eher zurückhaltend, aber dafür bleibend.
Ist es das, einer dieser  „Therapieerfolge“, die man erst nach längerer Zeit bemerkt? Erst, wenn man lange nicht mehr in der Situation ist, zurückblickt auf die hohen Wellen von Früher?
Vielleicht. Vielleicht hängt es aber auch mit dem Älterwerden zusammen, ich weiss es nicht. Ich kann nur schauen und fühlen und vergleichen und feststellen, dass ich heute anders fühle als damals.
Weniger „alles“, dafür mehr „konstant“. Und ich glaube, das ist gut so.

Es gibt immer noch so viele Baustellen, ich will so gerne abnehmen und Menschen besser verstehen, ich will so gerne wieder mehr lesen und stabil bleiben und weniger den Gezeiten meiner Seele ausgeliefert sein, alles Dinge, die möglich, aber nicht zwingend erfüllbar sind. Vieles hängt auch von mir ab, das Meiste, würde ich sogar behaupten. Aber manchmal bin ich so unendlich müde, müde davon, an mir zu arbeiten, mich zu pushen, weiterzukommen, zu klettern, manchmal nur zu kriechen, dann wieder 17-Meilen-Schritte, mal Barfuss durch Geäst, mal mit Schuhen durch Sand, aber manchmal eben auch umgekehrt, geschützt durch die Dornen, fühlend über den Strand. Schöne Dinge, traurige Dinge, Eindrücke sammeln, sie einrahmen, jedem seinen Platz zugestehen, nicht wie früher entweder alles auf denselben Haufen schmeissen, oder aber trennen zwischen „gut“ und „schlecht“. Wahrnehmung annehmen, neutral, wertfrei. Manchmal ist das mehr, als ich leisten kann. Manchmal geht das gut.

Manchmal ist mir das alles zu blöd und ich denke mir, ich bleibe wer und wo und wie ich bin, will keinen Schritt mehr tun, niemand mehr sein, nichts verstehen. Und dann gehe ich trotzdem wieder weiter.

Stabilität. Mich selber und mein Leben nicht auf den Ruinen meiner vorherigen Versuche aufbauen, sondern mit den Ruinen, aus den Ruinen, weil alles ein Teil von mir ist, auch das, was niedergetrampelt, niedergebrannt wurde. Weil jeder Stein, mit all seinen Ecken und Kanten eine Daseinsberechtigung hat, weil ich nicht vergessen will, wer ich war, wer ich bin, dass ich manchmal nicht weiss, wer ich bin, und dann neue, noch etwas polierte, noch etwas unbeschadete Bauteile nehmen, kombinieren, und irgendwo dazwischen etwas finden; Stabilität. Grund bewässert mit Liebe, beschienen mit Gutmütigkeit, umgegraben mit festem Willen. Und dann Stein um Stein um Stein aufgebaut, was ich bin, wer ich bin. Ich.

Zwischendrin kurz innehalten – das ist okay. Es ist okay, dass ich manchmal müde davon bin. Aber ich will trotzdem weitermachen. Weil ich irgendwann, irgendwann in ferner Zukunft dieses Haus, dieses Kunstwerk gerne sehen möchte: Ich. Weil ich mich selber irgendwann gerne sehen möchte.

Irgendwann.

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