Lieber Paddy
In letzter Zeit erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken, mir die alten Let's plays von dir anzusehen. Diese Videos, die ich damals so unendlich gerne mochte. Weil ich dich so mochte. Die Zeit, die du mir geschenkt hast.
Wie lange ist das mittlerweile her? 8 Jahre? Noch mehr?
8 Jahre seit ich das letzte Mal deine Stimme gehört habe, das letzte Mal ein Wort von dir gelesen habe, direkt an mich gerichtet. 8 Jahre. Bald wirst du 30, noch ein oder zwei Jahre. Ich habe vergessen in welchem Jahr du geboren wurdest - ein so kleines Detail was damals nie wichtig war, dass dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen und irgendwo in meinen Hirnwindungen zerbröselt noch exisitert, aber zu klein, zu fein gemahlen um erfasst werden zu können. Ich frage mich, was habe ich sonst noch alles vergessen? Deine Augenfarbe, deinen Beruf. Den Namen deiner Eltern und warum du dich manchmal katzenoma nanntest. Ich weiss diese Dinge nicht mehr und vermutlich noch viel, viel mehr, was mir gar nicht bewusst ist, weil es so weit verstreut liegt dass ich nicht mal mehr ansatzweise erfassen kann /was/ da liegt.
Aber es gibt auch vieles, was ich noch weiss. Du hattest echt wilde Locken, braun, schon fast gekraust. Dein Bruder heisst Oliver und dein Vater arbeitet in einem Chemielabor. Du bist in Bützow aufgewachsen und später nach Rostock gezogen. Du hast dein Motorrad geliebt, du hast Musik geliebt, du hast gerne gezockt und dich mit Freunden unterhalten. Du warst ein furchtbar schlechter Lügner und weil du das selber auch wusstest, hast du immer angefangen zu schweigen wenn du eine Antwort nicht geben wolltest.
Du hast geschwiegen als du mal richtig richtig wütend auf deinen Bruder warst und ich dich gefragt habe, was denn passiert ist. Du hast geschwiegen als ich dich gefragt habe ob du betrunken bist, an dem Abend als du ultra spät nach Hause kamst und super schlecht gelaunt warst. Du hast geschwiegen als die Frage im Raum stand ob es dich stört, dass ich mich mit Mark treffe.
Du hast geschwiegen als ich dich gefragt habe, ob es dir zu viel ist wenn ich dir erzähle, dass ich grade ein bisschen sterben will.
Du hast geschwiegen, lange geschwiegen als ich dich nach deinem ersten Verschwinden fragte, warum du gegangen bist.
Heute Morgen lag dichter Nebel über dem See und obwohl ich wusste dass er da war, ich die Wellen hörte, das Wasser roch, konnte ich ihn nicht sehen. Dabei musste ich an dein Schweigen denken. Die Antwort, von der ich wusste, dass sie da war, die ich wahrgenommen, gerochen, gefühlt habe, aber nicht ausmachen konnte, weil ich furchtbar schlecht in sozialen Dingen und obendrein ein furchtbarer Teenager war.
Antworten, die wichtig gewesen wären. Wichtig für mich, wichtig für dich. Wichtig für die Zeit, die wir zusammen verbrachten, die anfangs wie Samt und Daunen nichts war ausser wundervoll, mit der Zeit immer kratziger, immer rauer, immer abgegriffener wurde. Weil wir, inmitten von all den Fragen und Aussagen vergessen haben zu antworten. Ehrlich zu sein. Zu einander und uns selbst.
Aber weisst du, ich erinnere mich auch immer mehr an all die wunderbaren Dinge, die mir dank dir widerfahren sind. Du warst oft unglaublich wĂĽtend auf mich, fĂĽr mich. Du hast geweint fĂĽr mich und mich gebeten freundlicher zu mir selbst zu sein. Du hast geweint und mich damit zum weinen gebracht - weil du, du unaussprechlich freundlicher Mensch, fĂĽr mich, um mich, wegen mir weinst. Das war mehr als ich erfassen konnte, damals.
Du hast so viel gelacht und mich damit angesteckt, du hast mir deine Musik gezeigt und du hast mit mir gesungen, du hast mir von dir erzählt, von deinen Problemen, deinen Freuden, du hast mir vertrauen entgegengebracht.
Du warst da. Und für mich warst du ein Wunder, in allem, was du tatest, sagtest, vermitteltest steckte für mich eine Sternschnuppe, ein Regenbogen und ein Topf voll mit Gold. Und das sind Momente, Erinnerungen die mir keiner mehr nehmen kann. Nur ich selber kann sie wegpacken, im Nebel verschwinden lassen und mich von der Kälte und Nässe und dieser unglaublichen Einsamkeit inmitten der Tatsache, dass du nicht mehr in meinem Leben bist, vereinnahmen lassen.
Vergessen, dass du doch so viel mehr warst als der Kerl der einfach gegangen ist weil ich nichts wert bin.
Ich versuche darüber hinwegzusehen, zu ignorieren dass das alles meine Schuld ist. Dass du nicht gegangen wärst wenn ich nur ein Stückchen besserer Mensch gewesen wäre. Dass ich vielleicht heute dich und deine Stimme und deine Augen in meinem Leben hätte anstelle von Videos, ein Jahrzehnt alt, anstelle von Erinnerungen, unsterblich, aber vergangen.
Ich versuche nicht daran zu denken und mich stattdessen an all die Dinge zu erinnern die so wundervoll waren. Du. Das Licht, dass du in mein Leben gebracht hast, Kleinigkeiten, Blödeleien wie die E-Axt oder die Namensgebung deines Motorrades, Grossigkeiten wie dieser knapp 20 Minuten lange Track den du zu meinem Geburtstag eingesungen hattest und den ich mir wieder und wieder und wieder angehört habe, dann, wenn mein Leben am Dunkelsten war.
An die Wärme, die Liebe die du mir entgegengebracht hast.
An dich, mein ganz persönliches Wunder.
Danke, dass du trotz allem da warst. Danke, dass du ein StĂĽckchen Weg mit mir gegangen bist.
Es tut mir leid, dass ich nicht gereicht habe. Dass ich kein besserer Weggefährte sein konnte.
Happy Birthday, Paddy.
Ich erinnere mich an dich.
Alles Liebe,
Jin(nie)
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