Im Gespräch mit mir selber: Sag, wie geht’s dir? Was bewegt dich?
Und während
ich einhundert Antworten fühle, kann ich doch keine aussprechen.
Dinge, zugedeckt, begraben mit dem, was ich erspüre, ich weiss, es ist da, ich
nehme es wahr, aber beschreiben kann ich es nicht.
Alles
scheint zu banal und zu klar umrissen als dass es wirklich passt.
Und doch
versuche ich, zu beschreiben, erklären, rechtfertigen; holprig, steinig, ich
falle hin und rapple mich wieder auf, unelegant aber zielführend, ein paar
tausend Umwege, weil mir der Steilhang dann doch zu unheimlich erscheint, kurz
innehaltend, durchatmen, weiter – weiter im Versuch, mich zu beschreiben.
Jay ist weg.
Er ist nicht
gestorben, aber er hat sich entschieden, dass er das alles nicht mehr kann:
Menschen, Kontakt, Interaktion.
Er sagt,
dass es ihn stresst, dass er nicht weiss, wie er damit umgehen soll, dass er es
nicht kann, dass er es einfach nicht mehr kann. Und dass er deswegen lieber gar
keinen Kontakt haben möchte, weil es ihm guttut, er sich befreit fühlt.
Er sagt,
dass er nicht mehr dafür kämpfen mag, dass es irgendwann mal besser wird, dass
es ihn ermüdet, dass er einfach müde ist.
Und dabei
hat er so besiegt geklungen, dass ich keine Worte mehr gefunden habe, die ich
ihm hätte sagen können.
Er hat mich und alle anderen aus seinem Umfeld aus seinem Leben entfernt; alle Kontakte gelöscht und darum gebeten, auch selber nicht mehr kontaktiert zu werden.
Was macht man da? Ja, was? Ich weiss nicht, was „man“ macht, und ich weiss noch viel weniger, was ich mache.
Trauer. Weinen. Ihm schreiben, dass ich ihn ein bisschen schütteln will, aber dass ich ihn auch ein bisschen verstehen kann. Ganz wichtig, der kleine Satz: „Wenn es noch den Hauch einer Chance gibt, deine Meinung zu ändern, will ich sie ergreifen“, damit er weiss: Ich respektiere seinen Wunsch; aber wollen tue ich es nicht.
Wut, wütend
sein.
Er schreibt,
dass es mein Recht ist, dass er es versteht. Dass er nicht mehr an Situationen
wachsen will.
Aber
verstehe ICH es?
Was macht
mich denn wütend? Dass er einfach aufgibt. Seine Resignation; nach allem, nach
all den Jahren, über 10 sind es schon, die wir uns kennen, und in denen wir
gewiss nicht nur eitel Sonnenschein hatten. Dass er, nachdem wir beide so
vieles erreich haben, an diesem Punkt stehen bleiben will. Und das ich das
nicht kann, nicht darf. Es macht mich ein bisschen neidisch. Weil er für sich
eine Entscheidung getroffen hat, und ich die meine; weil mich etwas treibt, zu
versuchen weiterzuwachsen. Zu lernen.
Vielleicht ist es umsonst, und öfters als mir lieb ist, denke ich daran, dass ich nicht weiter will, kann, komme, und doch, und doch; es hört nie auf. Ich höre nie auf, irgendwie.
Lieber Jay
Es tut mir leid, dass ich dein Leid nicht eher erkannt habe. Es tut mir leid, dass ich nicht mehr für dich tun konnte. Aber wie ich dir schon schrieb: Wann immer du das Gefühl hast, es zulassen zu können, wieder Kontakt zu suchen; ich bin da. Immer.
Pass auf dich auf.
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