Lieber Paddy.
Du bist weg.
Also, nicht wirklich weg.
Irgendwo da draussen bist du, und führst dein Leben,
irgendwo da draussen gibt es dich, bist du.
Aber nicht mehr für mich.
Das wievielte Mal ist das nun?
Ich kann nicht zählen.
Du bist da, du bist weg, du bist da und dann wieder weg,
ein Rhytmus, an den ich mich längst gewöhnt haben sollte.
Aber es bleibt eben trotzdem bitter, dich gehen zu sehen.
Auch wenn ich dich nicht wirklich gehen sehe,
eines Tages bist du einfach weg. Einfach so.
War es dieses Mal der endgültige Schlussstrich?
Du bist jetzt mit deiner Freundin zusammengezogen,
mit der Freundin, die du so sehr liebt.
So sehr, dass du den Kontakt zu mir abbrichst, um dich nicht wieder in mich zu verlieben.
Du hast eine neue Arbeit, hast in Rostock jetzt ein neues Leben.
Ich habe da keinen Platz mehr, oder?
Warum kann ich den Schlussstrich nicht ziehen?
Warum kann ich dich nicht einfach löschen? Blockieren. Vergessen.
Ich erinnere mich.
An den Abend, als dich deine Freundin kurzfristig verlassen hatte,
und du kopflos durchs Quartier gefahren bist mit deinem Motorrad.
Das Motorrad, gelb/schwarz, dass du so geliebt hast.
Aber jetzt kannst du ja Auto fahren, da brauchst du es wohl nicht mehr.
Nicht mehr gebraucht zu werden ist grausam, weisst du?
Das hast du mir gesagt, als du Streit mit einem guten Freund hattest.
Ja, ich weiss. Ich weiss das. Du hast es mir gezeigt.
Ich muss mir einreden, dass du nichts bist.
Das du nur ein Name in einem Chatfenster bist,
dass du gar nicht wirklich existierst.
Dass du ein Phantom aus alten Zeiten bist, nichts, was weiterhin besteht.
Aber ich schaff das nicht.
Weisst du, Paddy, es hätte mir gereicht, wenn wir einfach nur ab und zu geschrieben hätten,
ich brauch nicht mehr von dir. Einfach nur das Wissen, dass du mich nicht vergessen hast.
Vielleicht heiratest du bald?
Ich würde dir gerne eine Glückwunschkarte schicken,
einem lieben Freund zum neuen Lebensabschnitt gratulieren.
Vielleicht wirst du auf Arbeit bald befördert?
Du hattest ja immer Spass an deinem Job, und ich glaube, du bist auch echt gut darin.
Aber du bist ja noch jung - vielleicht machst du auch eine zweite Ausbildung in einem ganz anderen Bereich.
Etwas mit Musik würde zu dir passen. Ich hoffe, du nimmst mal Gesangsstunden,
du hast so eine tolle Stimme.
Es ist ewig her, seit ich mir das letzte Mal deine Tracks angehört habe.
Selbst die MP3, die du mir zum Geburtstag geschenkt hast, habe ich lange nicht mehr angefasst.
Das ist jetzt 5 Jahre her - 5 Jahre, stell dir vor!
Eine Ewigkeit.
Hier hat lange ein Bild von dir gehangen - jenes mit dem KönIch-Tshirt, welches du mir unbedingt zeigen wolltest.
Aber vor Kurzem habe ich es abgehangen.
Es kam mir irgendwie idiotisch vor, das Bild von jemandem hier hängen zu haben, der mich nicht mehr kennt.
Ich glaube, manchmal wäre ich echt gerne stinksauer auf dich.
So richtig richtig wütend.
Ich würde dir gerne einen richtig bösen Brief schreiben, und danach alle deine Kontaktdaten löschen.
Aber ich kann es nicht.
So bin ich eben nicht, gell?
Aber weisst du, in den letzten Monaten, die du weg warst, habe ich gelernt, ehrlich zu sein.
Ehrliche Briefe zu schreiben, ehrliche Worte zu sprechen.
Vielleicht sollte ich es mal auf einen Versuch ankommen lassen?
Aber was bringen meine Briefe denn?
Nichts.
Auch beim letzten Mal, als du ein ganzes Jahr weg warst, hast du nicht auf meine Briefe reagiert.
Du hast mir nachher geschrieben, dass du sie gelesen hast, und antworten wolltest, aber nicht konntest.
WARUM?
Weil du mich vergessen hast.
Weil du dich anderen Dingen zugewendet hast.
Wieder und wieder.
Aber warum bist du dann wieder zurückgekommen?
Nur, um jetzt wieder zu verschwinden.
Dein leeres Chatfenster grinst mich fies an - es fühlt, wie ich kalt werde,
wenn ich auf deinen Namen starre.
Was sind wir eigentlich?
Fremde.
Daran ändert auch nichts, dass ich dich in und auswendig kenne,
dass du mcih in und auswendig kennst.
Daran ändert nichts, dass ich dabei war, an dem Abend, als dein Vater auf Arbeit verletzt wurde.
Oder an dem Gedenktag von dem Mädchen, das im Bach bei euch im Viertel ertrunken ist.
Oder als du dich über deinen Kumpel aufgeregt hast, der die Schule nicht ernstgenommen hat.
Oder als du deinen Motorradunfall hattest, und kaum laufen konntest hinterher.
Oder als du an der Beerdigung des Mädchens gesungen hast, das an Krebs gestorben ist.
Oder als wir zusammen die Elektro-Axt erfunden haben.
Oder als du meintest, wir sollten unseren Chatverlauf als Buch rausbringen.
Als der ESC war, als wir zusammen gesungen haben.
Als wir uns so unglaublich nahe waren.
Oder habe ich mir das eingebildet?
Vielleicht waren wir Fremde, von Anfang an.
Fremde, die aus Verzweiflung nichts anderes zu tun wussten, als sich um den Hals zu fallen.
Ich habe dich nie geliebt, Paddy. Nicht wie einen Partner, nicht wie du deine Freundin liebst.
Aber ich habe dich für selbstverständlich genommen, irgendwann.
War das ein Fehler?
Du hast dich in mich verliebt, einmal, zweimal, dreimal?
Wie oft war es?
Und trotzdem hat uns das Universum immer wieder zueinander getrieben.
Als würden wir in einem ewig tiefen Ozean schwimmen, und im schummrigen Licht des Mondes an der Oberfläche immer wieder aufeinandertreffen.
Eigentlich wollte ich dir mit diesem Brief Tschüss sagen.
Für immer.
Eigentlich wollte ich deine Daten löschen und weitergehen.
Aber es passiert nicht.
Da ist die kleine, aberwitzig winzige Hoffnung in mir, dass du wieder zurückkommst.
Wie die letzten Male auch.
Das es vielleicht wieder Monate, vielleicht Jahre dauert,
aber das du irgendwann wieder da bist, wie so viele Male zuvor.
Aber das wird nicht passieren, oder?
Dieses Mal hast du mich für immer verlassen.
Du kommst niemals wieder.
Paddy, komm zurück.
Ich warte auf dich.
Ich warte auf dich, Monate, Jahre, Jahrzehnte.
Ich glaube daran, dass wir uns irgendwann, irgendwo wiedersehen.
Und vielleicht kann ich dir das alles dann endlich einmal sagen.
Vielleicht kann ich dann endlich einmal über all das mit dir reden.
Vielleicht.
Pass auf dich auf.
Alles Liebe,
Jinnie
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