Freitag, 12. Juli 2019

grand cru

Leben wollen - das bedeutet auch, Verantwortung für dieses Leben zu übernehmen.
Zuhause bleiben, wenn ich mich krank fühle.
Das potentiell ätzende Putzmittel nur mit Handschuhen benutzen.
Nicht auf der Strasse sondern auf dem Gehsteig gehen.
Mich ausgewogen ernähren.
Eine Jacke anziehen, wenn es draussen kalt ist.
Meine Medikamente gewissenhaft nehmen.
Dieses Lied, das mich immer traurig macht, nicht extra anmachen.
Wegschalten, wenn ich merke, die Doku geht mir zu nahe.
Mir Pausen gönnen und im gleichen Masse in den Arsch treten, wenn ich etwas rausschiebe.

Verantwortung für mein Leben, mein Tun und mich selber übernehmen; das ist eine Herausforderung.
Aber es ist eine, der ich mich stellen muss und will, weil ich weiss, dass es ein grosser Teil dieses ganzen ominösen "vorangehen" ist.

Es ist eine Gratwanderung, zwischen mich selber anspornen und einfach mal gepflegt kapitulieren.
Das Gleichgewicht halten ist für mich schwer, nicht nur, weil ich mit diesem Zwischenbereich, dem, was das Schwarz und das Weiss zusammenhält, nicht vertraut bin, sondern auch, weil es Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin, einen starken Willen verlangt.
Es ist doch so viel einfacher, zwischen Extremen zu pendeln, weil es das ist, was ich kenne.
Das Zwischendrin, das Ausgeglichene macht mir Angst.
Und doch starte ich jeden Tag mit dem Vorsatz, weiter zu üben, einen Schritt weiter zu wagen, bis ich irgendwann auf dem Schwebebalken stehe, dem Seil, der Slackline.
In der Mitte aller Dinge, ohne auf die eine oder andere Seite zu fallen, ein Künstler hoch oben, ein Seiltänzer im eigenen Leben.
Und, wenn ich mir etwas wünschen darf, so wünsche ich, dass ich bis dahin auch lernen darf, nicht nur zu balancieren, sondern ebenso, umsomehr, die Aussicht zu geniessen.
Gerne auf diesem Seil zu stehen.

Leben wollen bedeutet viel mehr als nur nicht zu sterben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen