Ich habe heute Jay getroffen. Mein Jeremy. Dieser wunderbare Mensch der all diese Jahre an meiner Seite geblieben ist, durch Höhen und Tiefen.
Und ihn zu sehen und zu reden hat mich einmal mehr vor Augen gehalten: Ich lebe. Ich habe überlebt, alles, was ich dachte, werde ich nie durchstehen. Ich lebe, ich rede, ich stehe heute hier und erinnere mich mit ihm, an all den Kram.
Mit Jay war ich das erste Mal richtig schlimm betrunken. Das erste und einzige Mal. Jay war der erste Onlinefreund, denn ich ohne Begleitung besucht habe. Durch Jay hab ich mit dem zocken angefangen (zumindest so halb, als "Zocker" würde ich mich bis heute nicht bezeichnen) und durch ihn hatte ich auch meine abenteuerlichste musikalische Phase überhaupt.
Er hatte viele Probleme mit Drogen, vor allem Alkohol, und ich war so oft hilflos weil ich nicht wusste, was tun. Ich hatte Probleme mit dem Essen, und er war so oft hilflos, weil er nicht wusste, wie er mir helfen kann.
Wir waren beide hilflos, uns selber und uns gegenseitig gegenüber, und doch haben wir trotzdem allem eines getan: Weitergemacht. Irgendwie.
Durch Jay habe ich Hoffnung gefunden wo keine mehr war. Wir haben uns in einem Selbstmordforum kennengelernt, vor etwas über 11 Jahren. Wir wollten beide sterben. Doch was ein Ende hätte werden sollen wurde zu einem Anfang. Der Anfang des Weges, den wir zusammen beschritten haben und noch immer beschreiten. Wir leben. Beide.
Wir haben beide keinen Ausweg gesehen, unser "daheim" war kein Zuhause, wir haben mit uns und der Welt gehadert, all diese Gefühle, die die Welt uns hinwarf nicht verstehen und einordnen können, standen 24/7 und Hochspannung ohne zu wissen, was mit uns passiert. Selbstverletzung, Selbstmordversuche - unsere Biografien waren in vielem ähnlich. Und vor allem waren wir uns darin einig, dass wir keine Zukunft haben. Wir werden nie 20, das waren wir uns sicher. Wir beide wurden 20. Wir wurden 25. Und langsam, ganz langsam können wir glauben, dass wir vielleicht auch irgendwann 30 werden.
Wir können heute den See entlang laufen und uns erinnern und ein bisschen lachen, weil wir dachten, dass es noch so unendlich lange geht bis wir 18 werden, dass wir nie eine Ausbildung werden machen können, dass wir niemals ein Leben werden führen können.
Das wir heute ein Leben führen. Das wir leben.
Und ich bin so unendlich froh, dass es so gekommen ist.
Lieber Jay
Danke, dass du diese abertausend Schritte an meiner Seite gegangen bist.
Danke, dass du mir so viel Mut und Zuversicht gibst.
Danke, dass es dich gibt.
Danke.
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