Mittwoch, 6. Oktober 2021

Pflaumenblütenwispern

Manchmal, wenn ich, so wie jetzt, kaum schreibe dann ärgere ich mich über mich selber. Ich schreibe doch gerne und es hat mir auch immer gut getan. Ich denke mir, ich bin faul geworden, hab die Fähigkeit verloren auszudrücken was in mir vorgeht.

Erdenke mir 1000 negative Gründe für die Stille in meinen Fingern.

Als ich ein Teenager war, und auch danach, als junger Erwachsener, habe ich teilweise pausenlos geschrieben. Mein Tagebuch war mein Spiegel, mein engster Vertrauter, mein bester Freund. Weil ich mich den Menschen um mich herum nicht anvertrauen konnte, nicht wollte, nicht in der Lage dazu war weil so viel verwirrende Dinge in mir passierten und ich Beziehungen zu anderen nur schlecht auf die Reihe gekriegt hab. Deswegen habe ich mich an mein Tagebuch gewandt, dieses Stück Code in einem Forum in dem ich niemand war und genau deswegen sein konnte - anonym aber irgendwann in dieser Anonymität ein Bewohner, jemand, den man kennt, den Nickname, das Profilbild - nichts was drüber hinausgeht.

Ich war Indigoblau und als solche war ich unantastbar. Weil mich keiner kannte, weil keiner etwas von mir erwartete, weil mir niemand aufmerksamkeit schenkte. Nicht MIR, dem, was ich schreibe, meinen Worten, dem Geschehen in mir und um mich, aber nicht mir, diesem Wesen das ich nicht kannte und nicht kennen wollte, ich, dieser halbe Haufen Menschenfleisch ohne Zukunft, ohne Charakter.

Mein Tagebuch, dem Menschen gefolgt sind ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben wer ich wirklich bin. Menschen, die das Chaos in mir drinn gesehen haben, das Gefühlsstaccato zu Papier gebracht von einer Maske ohne Ausdruck, denn das ist nicht wichtig - wichtig ist der Ausdruck der Worte, die Betonung, der Farbton zwischen Buchstaben, Buchstaben, Buchstaben.

Manchmal finde ich es schade, dass dieses Tagebuch nicht mehr existiert, auch wenn mir heute vermutlich vieles peinlich wäre was da drinn steht. Teilweise, weil ich furchtbar impulsiv, Gefühlsgeleitet war, unfair und verletztend über Menschen geurteilt habe, Menschen die ich eigentlich so unfassbar geliebt habe. Manchmal bin ich wütend auch mein jüngeres Ich weil es so abfällig, so böse über die Menschen spricht die mir so teuer und lieb sind. Ich möchte mich mit mir selber hinsetzen und mir ein paar sehr gut überlegte Takte sagen.
Aber dieses Tagebuch ist auch eine Chronik meiner Erkrankung, meines Weges mit mir selber. Als ich angefangen habe damit war ich noch nicht in Therapie. Ich wusste noch nicht mal was mit mir nicht stimmt. Ich wusste so vieles nicht und der Weg zum Wissen, Entdeckungen, Erkenntnisse sind da allessamt festgehalten gewesen. Meine Geschichte, mein Weg mit anderen Menschen, mit mir selber, mit meinem Ich, dass ich heute sein darf. Veränderung die ich hoffe hat stattgefunden seit da. Manchmal fällt es mir schwer zu beurteilen ob und wie sehr ich gewachsen bin. Muss aus meinem emotionalen Ich raus und in den Alleswisser oder den neutralen Beobachter wechseln um die Stimmen und verwirrenden Empfindungen abzustellen, den Blick auf das Wesentliche zu richten: Ja doch, ich glaube, es ist schon einiges passiert. Positives. Dinge, die ich heute kann, die ich heute weiss, die ich heute tue die gut sind. Ich glaube, ich bin schon gewachsen seit damals.

Und ein Zeichen dafür ist eben auch das Schreiben - dieser Blog ist nicht mehr mein bester Freund, nicht mehr der erste und einzige Ort wo ich mich selber höre. Weil ich jetzt mit Menschen reden kann. Weil ich jetzt erzählen kann, ausdrücken wie es mir geht. Auch mal sagen wenn alles scheisse ist. Ich kann mich mitteilen und Beziehungen führen. Holprig, unausgefeilt, zerbrechlich - aber willentlich, stetig. Ich kann die Hand ausstrecken. Ich kann reden.

Ich habe Menschen, mit denen ich reden kann.
Ich muss mich nicht mehr auf meinen Blog/mein Tagebuch und meine geschriebenen Worte verlassen um nicht durchzudrehen. Das Schreiben ist eine Ergänzung, ein Zusatz zur echten, direkten Kommunikation.
Ich habe Menschen, mit denen ich reden darf. Und ich kann über mich reden.

Und das ist unfassbar schön.


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