Montag, 1. November 2021

None of our business

 Sexualität ist so verwirrend.
Geschlechter sind so verwirrend.
Identität ist verwirrend.

Ich habe kein Problem mit meiner Sexualität, weder darüber zu reden noch damit, dass ich nun mal so bin, nicht ganz so, wie das, was dieses "Normal" wäre. Ich habe auch kein Problem damit, dass es manche Stimmen gibt, die mir nicht glauben dass ich keinen Sexualtrieb habe, die versuchen mich davon zu überzeugen, dass ich nur ein Spätzünder oder halt sehr wählerisch bin.
Die können mich relativ gepflegt mal am Arsch lecken, nur bitte nicht an meinem. Gibt genug Ärsche da draussen die geleckt werden wollen, sucht euch einen aus.
Ich habe kein Problem damit, dass ich asexuell bin und manchmal denke ich mir, dass ich vielleicht sogar ein bisschen ein besseres Los gezogen habe wie all die Menschen, bei denen Sex eine so grosse Rolle spielt. Ich denke mir manchmal ich bin etwas freier, etwas unvoreingenommener. Möglicherweise liegt das aber nur daran, dass ich in einer unglaublich heteronormativen, rollenfixierten Welt aufwachse, so, wie wir alle.

Auch mein Umfeld ist offen und von den Menschen, die mir etwas bedeuten, habe ich nichts als Akzeptanz dahingehend erfahren. Mein Vater ist nicht der grösste Befürworter von Homosexualität, dafür ist er zu christlich, aber er ist kein Fundamentalist und als solcher durchaus in der Lage, Menschen mit anderen Sexualitäten zu respektieren. Zumindest gegen aussen. Ich habe keine Ahnung was er tun würde, wenn eins seiner Kinder actually mal mit einem gleichgeschlechtlichen Partner ankäme - aber er ist eben kein offen homophober Mensch und das macht, wenn es um das mindset geht was ich aus meiner Kindheit mitgenommen habe, enorm viel aus.
Ich bin auch schon seit Jahren geoutet, zumindest soweit man eben geoutet sein kann als asexueller Mensch. Diejenigen, die mir wichtig sind, wissen, dass ich es bin. Auch mein Vater, der das einfach so hingenommen hat. Ob er mir wirklich geglaubt hat sei mal dahingestellt - das kann ich eh nicht ĂĽberprĂĽfen, und es ist mir auch einfach egal.
Es ist mir egal, ob andere finden ich will nur was kompensieren, oder dass ich nur behaupte Asexuell zu sein weil ich hässlich bin und niemanden abkriege, dass ich prĂĽde bin oder aufgrund meiner traumatischen Erlebnisse Angst vor Sex habe - es ist mir egal. Denkt was ihr wollt. Das ändert nichts daran, dass ich bin wie ich bin. 

Ich habe kein Problem mit meiner Sexualität - aber diese bringt Probleme mit sich. Ich weiss manchmal, oft, fast immer, nicht, wer ich bin. Was ich bin. Geschlechtertechnisch.
Ich weiss schon länger, dass das ein Thema ist für mich, aber es ist immer mal mehr, mal weniger diffus. Mit dem Privileg eines weiblichen Körpers gab es für mich nie Grenzen was meine Kleidung angeht, Farben, Make-Up oder Accessoires. Ich konnte tun und lassen was ich wollte, in dieser Hinsicht, und so kam es nie zu einem "ich hätte gerne dieses aber die Gesellschaft sagt nein".

Auch was Spielzeug anging waren meine Eltern keine, die uns unbedingt bestimmte Verhaltensmuster und Vorlieben mitgeben wollten. Wir hatten eigentlich alles, egal ob Puppe oder Auto, Playmobil-Ponyhof oder -Piratenschiff. Auch da gab es kein "Eigentlich möchte ich lieber das, aber die Gesellschaft sagt nein".

Abgesehen von meinen Schwestern hatte ich fast ausschliesslich männliche Freunde, das aber nicht, weil ich mir diese bewusst ausgesucht habe, sondern weil sie halt da waren und man sich gut verstand. Das Nachbarskind, dass nur zwei Tage jünger ist, der Junge den ich in der Kirche immer sehe - war halt so. Ich habe aber nicht eine weibliche Freundin vermisst oder gemerkt, dass ich irgendwie anders war als meine männlichen Freunde - es war mir, und ist mir bis heute, einfach egal. Wenn ich jemandem nahe genug bin, dass ich seine nackten Genitalien sehe, dann ist mir die Person eh zu nah, völlig schnurz ob weiblich, männlich oder divers.
Ich habe auch nie verstanden warum es so schwierig ist jemanden, der einen Penis hat, trotzdem als Frau zu sehen, wenn die Person das möchte, oder halt eben umgekehrt. In meiner Parallelklasse in der Fachmittelschule war ein Transmädchen, ich glaube, das war auch meine erste persönliche Berührung mit dem Thema überhaupt. Ja, klar, man sieht dass sie körperlich halt männlich ist, aber das hat doch absolut nichts damit zu tun, was sie ist. Der Unterschied zwischen den Begriffen "sex" und "gender" war mir damals noch nicht bekannt, aber ich glaube, ich habe unbewusst bereits verstanden, dass das eben nicht dasselbe ist.
Einige Jungs - interessanterweise vor allem Jungs - fanden das zum Lachen und haben böse Dinge über sie gesagt. Wäre ich nicht feige gewesen so hätte ich vielleicht was dagegen gesagt. Aber auch wenn ich das nicht getan habe, verstanden habe ich es nie. Ich kann doch gar nicht wissen, was jemand ist, bis die Person es mir nicht erzählt. Ich kann das doch nicht an körperlichen Merkmalen allein festmachen.
Und, wie gesagt, wenn wir uns nahe genug sind, dass ich eindeutig sehen kann, wie du untenrum gebaut bist, dann bist du mir eh eindeutig zu nah und auch eindeutig zu nackt.

Ich glaube es ist ein Geschenk, in einem Umfeld aufzuwachsen, dass einem keine Grenzen setzt. Und ich bin dankbar dafĂĽr, dass es so gewesen ist. Dass ich deswegen heute nur noch weniger verstehe, wer ich eigentlich bin, dafĂĽr kann keiner was - ausser mir selbst.

Als Teenager dachte ich mir manchmal, dass es doch irgendwie einfächer wäre, einen männlichen Körper zu haben aber eine Frau zu sein, weil es einfacher ist, ein Statement zu machen. Weil es einfacher ist zu merken, dass das, was die Gesellschaft von mir denkt, nicht das ist, was ich bin. Dabei ist es vermutlich alles, nur nicht einfacher.
Natürlich, es ist ein Statement wenn ich mich dann halt schminke, Kleider anziehe und mir die Haare wachsen lassen, auch wenn das alleine schon ein Armutszeugnis ist. Warum ist das denn überhaupt ein Statement? Warum ist es so, dass wir so unglaublich starre Vorstellungen haben? Manchmal möchte ich weinen weil wir alle so unfrei sind. Aber Menschen mit männlichen Körpern eben ein bisschen unfreier als jene mit weiblichen.
Aber es wäre möglich, ein Statement zu machen. Wenn ich mit kurzen Haaren und baggy Klamotten rumlaufe, in der Männerabteilung einkaufe dann juckt das niemanden. Literally niemanden.
Und ob ich einen Binder trage oder nicht eigentlich auch nicht, es gibt ja schliesslich von A bis Doppel G alles. (Und darĂĽber hinaus, mind you)
Wie kann ich also wissen, wer ich bin, wenn eh alles geht? Muss ich dann ĂĽberhaupt wissen, wer ich bin?
Ja, nein. Schon. Glaub ich.
Stört es mich, als Frau angeredet zu werden? Oft ja.
Ich mag es nicht, wenn man mich als Frau betitelt. Ich kann nicht sagen, warum, aber es fühlt sich nicht richtig an. Online bin ich auf bestimmten Seiten seit Jahren ein Mann - und das fühlt sich ein bisschen mehr an, als wäre ich angekommen. Aber liegt das nur daran, dass ich damit einen ausgleich schaffe zum permanenten "Frau-Sein" im realen Leben? Ich weiss es nicht.
Ich will keinen Penis. Ich mach mir aber auch nichts aus meiner Vagina. Sie ist relativ zweckdienlich, ich kann damit zur Toilette gehen was schon ganz praktisch ist, ich bin auch relativ dankbar dass ich damit keine random Boner in der Ă–ffentlichkeit kriege (jaha, unbewusst erregt zu sein ist nicht dasselbe wie sich wĂĽnschen Sex zu haben) und generell aufpassen muss dass ich mir das Ding nicht zu sehr anhaue. (Sind die wirklich so sensibel?)
Da ich meine untere Hälfte nicht für irgendwelche Nacki-Action benutze ist es mir echt einerlei was ich da hab. Es ist für mich keine Qual, eine Vagina zu haben, auch nicht, meine Tage zu kriegen. (Also, schon, aber nicht um der Tage Wille)
Aber liegt das nur daran, dass ich keinen Sexualtrieb habe? Würde ich mir einen Penis wünschen, wenn ich nicht asexuell wäre?

Meine BrĂĽste gehen mir auf die Nerven, sie sind im Weg und ich brauch BHs dafĂĽr und sie sind empfindlich und wĂĽrde man mir anbieten, sie mir abzunehmen, wĂĽrde ich sofort ja sagen. Ich häng nicht an den Dingern. Aber auch hier: Ich leide nicht extrem darunter, welche zu haben. Ist dass denn wirklich das Ausschlaggebende wenn es darum geht, ob man ein Mann oder eine Frau ist, so rein gender-mässig? 

Eigentlich ist es doch scheissegal. Ich bin eben ich. Nennt mich wie ihr wollt aber steckt mich bitte nicht in irgendwelche Stereotypenschubladen. Erwartet nicht dieses und jenes von mir, nur weil ich unten nen Schlitz und oben zwei Bommel hab. Nehmt mich als Mensch.
Aber reicht das?
Schon, auf ne Art. Ich kann toll finden was immer ich will, ich kann anziehen was immer ich will, die Frisur haben die ich will, riechen wonach ich will und eben auch einfach keinen Sex haben wenn ich nicht will - es ist so einfach. Es wär so einfach.
Wenn nur dieses klitzekleine aber beständig nagende Gefühl nicht wäre, dass etwas nicht stimmt. Mit mir. Der Art, wie ich angesprochen werde. Wie ich bin.
Liegt es an meiner Persönlichkeitsstörung?
Daran, dass ich Sex dumm finde?
Woran liegt es?
Wie finde ich das raus?

Ich lese den neuen Band von Boys run the riot und frage mich: Wie sieht der riot in mir drinnen aus? Wer bin ich?
Ich weiss es einfach nicht.

Ich will nicht darĂĽber mit Freunden reden ehe ich nicht eine Antwort darauf habe, will nicht hin und her schwingen oder eher: will nicht, dass sie sehen, wie sehr ich schwinge
Ich will keine Umstände bereiten, nicht erscheinen als würde ich es nur der Aufmerksamkeit wegen machen. Und doch will ich diesem Teil von mir einen Raum geben. Wenigstens in mir selber.

Das ist alles so unfassbar verwirrend.

1 Kommentar:

  1. FĂĽr mich klingt das schon nach sozialer Dysphorie und das ist etwas, das ich auch habe. Wobei es bei mir so ist:
    - ich bin auf dem asexuellen Spektrum, hatte vor dem zwanzigsten Lebensjahr Null Interesse an sexuellen Dingen, wenn es darum ging, dass ich an denen teilnehme (und jetzt auch nur an genau einer Person)
    - ich habe kein Problem mit meiner Anatomie (die Schmerzen könnten halt weg, aber sonst ...), aber ein wachsendes Problem damit, bei Frauen einsortiert zu werden. An manchen Tagen ist es erträglich, an anderen wiederum, die eh schon ungut sind, kann ein einziger Satz mich so triggern, dass ich mich mehrere Tage davon erholen muss und zu nix zu gebrauchen bin.
    Also in gewissem Sinne: FĂĽhle. Kenne. Du weiĂźt, wo du mich findest, wenn du reden willst <3

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