Dienstag, 28. März 2017

The ashes falls like quiet snow

Können wir nicht einfach so tun, als wär das alles nur ein Spiel?
Irgendein Film, ein Game, eine Geschichte in irgendeinem Buch.
Eine Geschichte ohne Ende, sie endet genau da, wo der Leser das Buch zur Seite legt,
und während wir alle erstarrt sind in dieser Unendlichkeit zwischen zwei Seiten,
müssen wir nicht daran denken, wie tragisch dieses Leben ist.

Gestern war wirklich ein wundervoller Tag.
Ich habe Simone spontan gefragt, ob sie Zeit hat, was trinken zu gehen, ich seie grade in Frauenfeld.
Wir waren in einem Eiscafé und danach sind wir noch an die Thur gefahren,
sie hat mir ihren Lieblingsplatz gezeigt.
Das Wetter war total schön, sonnig und warm genug, damit wir uns barfuss ins Wasser getraut haben.
Es.War.Kalt.Wie.Arsch.

Sie hat mir beigebracht, wie man vor Freude schreit,
wir haben gesungen und ganz viel geredet.
Über Gott, über unseren Ekel vor unserer Sexualität, über das Leben und ihren geplanten Trip nach Deutschland.
Wir sind geblieben bis spät Abends, bis es schon fast Dunkel aber immer noch schön warm war.

Danach haben wir noch einen kleinen Abstecher zu ihr nach Hause gemacht,
sie wollte mir noch ein Glas ihres selbstgemachten Apfelmuses geben und die Lichterkette im Zelt zeigen.
Wie wir so am Tisch gesessen haben in ihrer kleinen aber wunderbaren Wohnung im obersten Stockwerk,
kam plötzlich etwas zur Sprache, was ich so noch nie von ihr gehört habe,
und ich bin mir fast ganz sicher, dass sie das auch noch nicht oft ausgesprochen hat.

Mir war unterbewusst schon klar, dass Simone zu den Menschen gehören, die eine ganz eigene Art der Melancholie mit sich rumtragen.
Es ist so.. irgendwas an diesen Menschen ist so unnahbar, und du weisst, dass du vermutlich nicht viel Zeit mit ihnen hast.
Weil sie.. sie sind wie ein Stück Spiegelglas, ein verlorener Splitter von Mondschein, etwas, was dieser Welt irgendwie fremd ist.
Das ist schwer zu beschreiben.

Unbewusst war mir das klar, unbewusst hab ich das gemerkt und akzeptiert.
Aber.. es so direkt zu hören, so direkt wahrzunehmen ist nochmals was ganz anderes.
Sie hat mir erzählt, dass sie im Moment wieder ganz starke Selbstmordgedanken hat.
Das sie fast vor ein Auto gefahren wäre mit dem Fahrrad, weil sie sich einfach um nichts mehr geschert hat.
Und sie hat mir erzählt, dass sie nichts auf dieser Welt hat, was sie vermissen würde, wenn es jetzt vorbei wäre für sie.
Es gibt nichts, was sie hier hält.

Das hat mich so unfassbar traurig gemacht.
So unglaublich traurig, dass sie das nicht spüren kann, wie sehr diese Welt an ihr hängt.
Und das tut sie.
Denn die Welt hängt an jedem einzelnen ihrer Töchter und Söhne, und weil sie das sosehr tut,
schickt sie andere Menschen los, um genau das zu vermitteln.
Menschen, die einem ans Herz wachsen, die wir mögen, die wir lieben, die unser ein und alles sind.
Es ist zumindest das, was ich so fühle.
Vielleicht hat es mich auch deswegen so schrecklich traurig gemacht, weil ich hab lernen dürfen,
was es heisst, am Leben zu hängen.
Etwas zu haben, wo ich sage, das will ich nicht missen.
Ich wünsche ihr von Herzen, ich wünsche es ihr so sehr das sie das auch erfahren darf.

Wäre das hier wirklich eine Geschichte, ein Manga oder so, dann wäre ich vielleicht aufgestanden und hätte ihr gesagt,
dass ich dafür sorgen werde, dass sie einen Grund zum Leben findet, und wenn es das letzte ist, was ich tue.
Aber das hier ist kein Manga. Kein Buch, keine Geschichte. Nichts, was einfach aufhört und wieder anfängt.
Und so habe ich nichts dazu gesagt, ich habe ihr nur weiter zugehört.
Und im Bus nach Hause habe ich geweint, um sie und um ihre Worte,
geweint mit dem innigen Wunsch, das meine blöden Tränen doch irgendwas bewirken mögen,
das sie doch ein Wunder hervorbringen und ihr ein kleines Licht schenken.

Das ist doch alles Schwachsinn.
Dieses Gerede von wegen "nicht von dieser Welt", oder "irgendwie fremd."
Alles Blödsinn.
Auch sie gehört, genauso wie alle anderen Menschen, auf diese verdammte Welt,
eine verdammte, aber so barmherzige Welt.
Sie ist ein Mensch, sie lebt, sie ist hier und das ist wundervoll,
Und sie gehört hierher. Zu 200%. Genau an den Platz, den sie sich auf der Welt ausgesucht hat.

Es schmerzt mich zu wissen, dass sie sich tatsächlich so fremd und fehl am Platze fühlt.
Ich wünsche ihr, dass ihr eines Tages etwas begegnen mag, dass ihn ihr ein Feuer entfacht,
diesem Leben die Stirn zu bieten.
Und damit will ich nicht implizieren, dass sie feige ist. Überhaupt nicht.

Vielleicht würde ich es tatsächlich versuchen wollen, die Veränderung in ihrem Denken zu sein.
Aber jemandes Leben mit Sinn zu füllen ist keine Aufgabe, die man irgendwem, auch nicht sich selber, aufbürden sollte.
Das geht sowieso nicht nur durch äussere Einflüsse.
Das passiert in dir drin.

Obwohl ich dieses Gefühl, fremd zu sein und hier eigentlich gar nichts mehr zu haben, sehr sehr gut kenne,
so merke ich doch jetzt, mit diesem ganz neuen Lebensgefühl, was in mir die letzten knapp 1 1/2 Jahre angefangen hat zu wachsen,
wie weit weg ich bereits bin von dieser Zeit.
Diesem Nichts.

Natürlich, ich habe Suizidversuche hinter mir, und ja, ich denke manchmal übers Sterben nach.
Aber irgendwie war mir diese.. diese Ur-Weigerung, klein beizugeben schon immer ein treuer Freund.
Mal ganz davon abgesehen, das ich bei meinem ersten Versucht nicht mal wirklich gepeilt hab, was ich da tue,
so war es dann auch beim zweiten nicht so, dass ich die Welt verflucht habe, weil ich überlebt habe.
Ich war erleichtert.
Ich war so unfassbar erleichtert, dass meine Familie mich immer noch hasst und mir einen weiteren Tag lang erzählt, wie wertlos ich bin,
dass ich immer noch zur Schule gehen kann, wo keine Freunde auf mich warten und das ich immer noch heulend zusammenbrechen will.
In diesem Moment war mir all dieses verdammte Leid das grösste Geschenk auf Erden.
Es hat mir gezeigt, das ich da bin und ich war so froh.

Denn egal, was mir auch widerfahren ist, was mir auch angetan wurde, was ich auch getan habe,
eines hat sich tief in mir niemals geändert.

Diese
Welt
bricht
mich
nicht

Und es ist GANZ egal, was passiert und was mir noch bevorstehen mag,
es ist scheissegal, was das Schicksal noch so im petto für mich hat,
nichts und niemand kriegt mich verdammt noch mal klein.
Es ist ein Feuer, eine Urkraft die ein einziges Zahnrädchen in mir immerzu am Laufen halten,
es ist der innige, ganz tief verstecke Wunsch, irgendwann wirklich, ehrlich und ungefiltert glücklich zu sein.

Und es ist mir wirklich egal, was noch kommt, selbst wenn ich querschnittgelähmt werde, wenn ich taub oder blind werde,
selbst wenn ich schwer an Krebs oder anderen Krankheiten erkranke, wenn ich monatelang im Koma liege,
ich gebe mich und meinen Wunsch niemals auf.
Ich gebe meine Hoffnung und mein Vertrauen in diese Welt nicht auf.
Weil ich weiss, das alles gut wird.
Am Ende wird alles gut.

Ich wünschte, es gäbe eine Methode,
wie ich einen Teil dieses Urvertrauens weitergeben könnte.
Ich wünschte, ich könnte es verteilen.

Und so weiss ich doch, dass mir vielleicht wirklich nicht mehr viel Zeit mit Simone bleibt,
dass dieser Tag, Tag X irgendwann kommen wird, der Tag an dem ich akzeptieren muss,
sie nie wieder zu sehen,
und trotzdem halte ich fest an meinem Glauben, das auch ihr, bevor sie den entscheidenden Schritt geht,
ein Wunder passiert.
Auch wenn sie nicht an Wunder glaubt.
Ich glaube genug fest für uns beide.

Ich fürchte ein bisschen, dass sie nun nicht mehr mit mir reden will,
weil sie selber erschrocken ist, wieviel sie mir erzählt hat.
So hat sie es auch gesagt, als sie mich gestern noch zum Bahnhof gefahren hat.
Es ist auch nicht typisch sie, dass sie nicht drauf reagiert hat, dass ich ihr die Bilder vom See noch geschickt hatte,
(die ich gerne hier hochladen würde, aber mein Handy ist dumm. Oder ich. Oder beides in Kombination)
aber das ist okay. denke ich.
(Nein, ist es verdammt noch mal nicht. Antworte mir!)
Es ist ein Teil meines Ichs, dass ich das hinnehmen und abwarten kann,
bis sie wieder bereit ist, mit mir zu reden.
Es ist okay, wenn sie Zeit braucht.
Und es ist okay, das sie mir das erzählt hat.

Ein bisschen erinnert mich das Ganze an Rahel.
Ihr Tag X war im Winter.
Ich habe keine Ahnung, welches Datum, ich weiss nicht mal mehr,
ob da noch Schnee lag.
Aber sie war auch irgendwann einfach weg, und als ich es erfahren habe,
habe ich gemerkt, dass ich es geahnt hatte, weil auch sie einer dieser Menschen war,
welche die ganze Melancholie dieser Welt auf den Schultern trugen.
Manchmal gibts dafür nicht mal einen Grund.
Es passiert einfach so.

Und während ich nie vergessen werde,
wie sie immer im Dachgeschoss unseres damaligen Therapeutengebäudes auf dem Boden gehockt und gewartet hat,
bis ich mit meiner Stunde durch war,
ist es ihr hoffentlich mittlerweile möglich, von da aus, wo auch immer sie jetzt ist,
oder wie sie auch jetzt ist, Menschen, die das selbe empfinden wie sie, zu helfen.
Und ihnen ein Wunder zu zeigen.

Ich liebe das Leben.
Und ich liebe diese Menschen.

Und ich wünsche mir, das nie wieder jemand an der Traurigkeit dieser Welt zugrunde geht.
Ich wünsche euch allen, allen Menschen, dass ihnen ihr ganz persönliches Wunder passiert.
Auf welche Art und Weise auch immer.

Ich wünsche mir, dass am Ende für alle alles gut wird.

Simone?
Ich denke an dich.
Und selbst wenn du mich dafür hassen solltest,
das ich das aufschreibe und das ich es so empfinde,
ich tue es trotzdem.

Du bist wundervoll.



Doch es ist so, dass man sich oft unterhält
über dies und jenes, Gott und die Welt
Und damit mein ich nicht nur "Hi, wie gehts?"
Sondern ein Gespräch
Probleme teilen, Ego klein, 
das Zeigen von Schwäche
Kein Gespräch aus reinem Interesse
Und trotzdem ist da viel was verborgen bleibt
Und es scheitert nicht an der Förmlichkeit
Und es scheitert auch nicht weil keiner zuhört
Sondern einfach weils keiner ausspricht


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