Dienstag, 21. Mai 2019

Des Wolfes Sturm

Auf Deutsch zu schreiben ohne "ihre/seine" oder dergleichen zu verwenden ist echt fürchterlich. Deswegen kommt halt dafür 29348023 Mal der Name vor, aber hey, immerhin ist es ein schöner Name.
Auf jeden Fall war es das erste Mal seit langem, dass mir Siomis wieder mal dienlich war.
Ich glaube, das Bild des rennenden Wolfes wird mich eine Weile begleiten.
Ich habe mich daran erinnert, dass ich, als ich auf der Akutstation in Littenheid war, immer Laufen gegangen bin, wenn ich nicht mehr zurecht kam.
Ziellos und ohne auf die Zeit zu achten über das Gras zu rennen bis ich nicht mehr konnte, bis sich meine Muskeln strikt geweigert haben weiterzumachen war.. irgendwie befreiend.
Und schreien. Singen, schreien und alles aus mir heraus"kotzen" bis ich das gefühl hatte, wieder bei Null anfangen zu können. Das war so heilsam. Aus dem heraus ist der Text entstanden.
Es ärgert mich, wenn ich Gefühle nicht benennen kann.
Aber es hat geholfen, es mir von der Seele zu schreiben.

Und falls sich jetzt jemand fragt, wieso zum Teufel ich eine Figur nach (falschgeschriebenem) Zimt benannt habe: ICH WEISS ES NIIICHT. Es ist so lange her seit ich mir die Namen ausgedacht hab. Ich weiss auch nicht, warum zum Teufel ein Wiesel Taschenlampe heisst.
Ich glaube, ich fand einfach den Klang der Wörter cool ohne wirklich zu wissen, was das eigentlich heisst^^

(Das diese Szene so gar nicht wirklich möglich wäre, weil Chéndré sich ja in dem Moment auflöst in dem ein Aufeinandertreffen mit Zanua stattfindet, lassen wir einfach mal aussen vor haha)


Der silberne Wolf jagte durch die Dunkelheit und obwohl er aus Nichts als Licht zu bestehen schien, warf er keinen Schein auf den feuchten, mit Blättern und Tannennadeln übersäten Waldboden oder die dicht nebeneinander stehenden Stämme der Bäume.
Seine grossen, breiten Pfoten erzeugten nicht den geringsten Laut, kein Rascheln oder Knacken eines Zweiges, sein langes Fell sichtlich unberührt vom Wind seiner raschen Reise.
Weit holte das Tier, dass auf eine merkwürdige Art und Weise nicht in das Bild des nächtlichen Waldes passen wollte, mit seinen Beinen aus und rannte zwischen den Stämmen hindurch als wären sie nicht mehr als Trugbilder die ihm nichts anhaben konnten. 
Zanuas Sinne waren auf nichts ausser den rhytmischen Bewegungen gerichtet, das Strecken und Zusammenziehen der Muskeln. Die vorbeifliegende, schemenhafte Umgebung blieb unbeachtet.

Es reichte nicht.
Das Tempo, die Ziellosigkeit, das Ausreizen der Reflexe reichte nicht aus, um dieses abgrundtiefe Gefühl in Zanuas Herzen zurückzutreiben. Dieses Gefühl, dass sich festfrass und aufstaute, dass sich drängend einen Weg nach draussen suchte, dieses Gefühl in dem Zanua zu ertrinken drohte.
Es gab nur wenige Möglichkeiten für Zanua: Schreien, bis nichts mehr übrig war, bis jeder letzte Zipfel das Herz verlassen hatte, schreien bis zur Heiserkeit, mit schriller, hoher Stimme diesem Graus eine erfassbare Form geben. Schreien - oder rennen. Alles hinter sich lassen, diesem Gefühl davonlaufen, nichts mehr wahrnehmen und nichts mehr verstehen. Laufen bis die Erschöpfung die Beine einknicken lässt.
Zanua konnte nicht schreien. Als Abbild einer Seele war es Zanua nicht möglich, irdische Geräusche zu erzeugen. Zanua hatte nur dann eine Stimme, wenn jemand zuhörte, jemand, eine andere Silberseele.
Also rannte Zanua fort von dem Ort wo der Host-Körper zusammengesackt an einem Baum lehnte, die Hände auf die Ohren gepresst und die Augen fest verschlossen.
Fort, weg, weit weit weg von allem. Zanua wusste nicht, wie lange dieser Sturm schon tobte, wie lange die breiten Pfoten schon über die Erde stoben, aber eines wusste Zanua: Es reichte nicht.
Die irdische Unzulänglichkeit der Erschöpfung konnte Zanuas ätherischem Körper nichts anhaben, es gab kein Ende dieser Reise und kein Ende für den Sturm der in Zanua tobte.
Es gab keine Erlösung.

Getrieben von einer Energie die keinen Ausweg fand lief Zanua weiter, die Augen fest geschlossen, aber es spielte keine Rolle. Es waren nicht Zanuas Augen die sahen, es war das Abbild der Erinnerung des Hosts, dass dem dunstigen Nichts um Zanua herum eine Form gab. Diese Welt war nicht wirklich, sie war nur gerade so viel und so weit wie der Host es erlaubte, es zulassen konnte.
Nichts hier war wirklich, nichts ausser dem gefrässigen, ins unermessliche Ansteigende absolut zerstörende Gefühl ohne Namen, dass wie ein ewig währendes Uhrwerk in der Brust des Wolfes dessen Pfoten weiterlaufen liess, dieses Gefühl, dass die gestaltgewordene Seele aus dem Körper der Host herausgerissen hatte.
Stunden vergingen, wurden zu Minuten, zu Tage, es spielte keine Rolle. Zeit spielte keine Rolle.
Alles, was zählte, war, dass Zanuas Lauf kein Ende nahm und dem Sturm im Herzen keine Gelegenheit gegeben wurde, alles zu zerstören.
Und dann, ohne eine Ankündigung, ohne das Zanua bewusst daran gedacht hatte, waren da Stimmen. Das Abbild, die Erinnerung von Stimmen, von wohlklingenden Worten und während noch immer Bäume und Gestrüpp an des Wolfs Flanken vorüberglitten, so war da nun mehr, Gestalten die nichts mit der illusionären Umgebung des Waldes zu tun hatten, Gestalten aus dem selben gleissenden Licht wie Zanua
Eine der Gestalten war ähnlich proportioniert, aber kleiner und geschmeidiger - eine Wildkatze. Daneben huschte ein Fuchs über den düsteren Boden von dem, was für  Zanua ein Wald, für jeden von ihnen aber etwas anderes war.
Ein Storch mit nach hinten gestreckten Beinen und ausgebreiteten Flügeln war zu Zanuas anderer Seite, zusammen mit einem Wiesel mit auffällig buschigem Schwanz.
Silberseelen.
Und mit einem Male merkte Zanua, wie die eisigen Klauen des Unerträglichen ihren Griff lockerten. Nichts hier war real, es gab keine Ermüdung und keine Gefahr, in einem Baum zu krachen.
Es gab keine Möglichkeit alleine zu schreien und keine Chance mit den Wesens jenseits des Silbernebels zu interagieren, aber das bedeutete nicht, dass Zanua alleine war.
Cinamon, Lazeitha, Latarka und Chéndré, andere ewiglich wandernde Seelen dieser gottverlassenen Spähre waren da und sie waren wirklich, sie waren da, egal wo sich Zanuas Host hinprojizierte, egal wie schnell Zanua lief und egal wie lange.
Sie waren da und leisteten Zanua Gesellschaft, auf die einzige Art, die wirksamste Art die diese Nebelwelt zuliess.
Und nicht nur das, sie nahmen die Wellen der Aufgebrachtheit, der Unruhe Zanuas wahr und in dem sie Gesellschaft leisteten, boten sie die Möglichkeit, eine Stimme zu haben.
Und Zanua schrie.

Der Schrei, das Heulen des Wolfes stieg ins unermessliche, schmerzvolle jenseits aller Grenzen, übertönte das freundliche Geplauder der unterstützenden Silbertieren, mischten sich mit dem Tosen des Sturmes in der Brust des kraftvollen Tieres, übertönte es und rang es nieder, zerschmetterte die ungestümen Böen und errang sich den Sieg über das Unkontrollierbare.
Und während Zanua und die Begleiter rannten, redeten, schrien und schreien liessen wurde das Toben in des Wolfes Brust allmählich schwächer und schwächer, bis nur noch ein sachter Wind das stillstehende Herzen umspielte, bis vom Sturm nicht mehr übrig war als ein schwaches Keuchen und ein langsamer Trab, bis die dunklen, finsteren Bäume sich lichtete und eine freundliche, schwach beleuchtete Lichtung Zanua zum anhalten einlud.

Der Sturm war vorbei.

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