Sonntag, 7. Juli 2019

Rosmarin Chemotyp Verbenon

Kleine Schritte gehen - manchmal bedeutet das, verstehen zu müssen, dass man mitten auf dem Weg ist.
Die letzten Tage schwirrte mir etwas im Kopf herum. Dass, wäre mein Leben ein Film, dieser jetzt zu Ende wäre.
Es ist so diese Semi-Stage, der Held hat einiges geschafft, aber es ist noch Luft nach oben, und der Zuschauer weiss, dass nach dem Ende des Filmes noch Entwicklung stattfinden würde, wäre es nicht nur ein Film mit Schauspielern.
Eben kein "Alles war gut", sondern eher so; das Hauptthema des Films ist abgeschlossen, deswegen is auch der Film zu Ende, aber die Geschichte ist noch nicht vorbei.
Ich hab keine Ahnung, ob diese Überlegung ausserhalb meines Kopfes Sinn ergibt.
Aber ich merke wieder, dass dieses ganze "Leben ist ein Film" Dingens nicht funktioniert.
Weil Leben nicht linear verlaufen, sie haben keinen roten dramaturgischen Fade, es gibt kein "Hauptthema".

Meine Wände sind leer. Weil in einer Woche der Umzug ansteht, habe ich angefangen alles zusammenzupacken, und die Poster waren etwas vom Ersten, was dran glauben musste.
Ich habe absichtlich die Wandbekleisterungen so "früh" runtergeholt, weil ich ausprobieren wollte, ob ich nicht auch mit weniger zutapezierter Wohnung leben könnte.
Und, nein. Irgendwie fühlt es sich so viel weniger wie ein Zuhause an. Irgendwie erscheint mir dieser Ort jetzt etwas Seelenlos.
So ist es viel einfacher, abschied zu nehmen. Jetzt wo ich hier sitze, merke ich; diese Wohnung ist schon nicht mehr meine.
Und so endgültig wie ich gemerkt habe, hat mein Herz Abschied genommen von Martin, so endgültig merke ich, ist meine Seele hier ausgezogen.
Ich bin bereit für was Neues.

Ich stelle fest, das meine Gefühle irgendwie.. weicher geworden sind.
Es ist immer noch ein Chaos, aber es ist.. geordneter.
Dieses Wochenende hatte ich immer wieder ganz krasse Episoden von Trauer.
Aber es war irgendwie anders. Vorher war Trauer wie ein Tsunami, der mich am Strand überrascht,
seine Wellen schlagen über allem Zusammen und ich bin erstarrt in diesem Moment der bodenlosen, unendlichen, scheinbar niemals endenden Trauer ohne Grund und ohne Namen.
Und wenn sich das Wasser wieder zurückzieht, dann ist alles zerstört und es ist kalt und es ist leer.
Jetzt ist es.. sanfter.
Ich liege im warmen Sand und ich weiss, die Wellen kommen und sie verschlingen mich, sie umfassen mich und meine Welt und für die Dauer ihres Daseins ist alles unter Wasser, ist alles gedämpft und leise.
Aber ich fürchte mich weniger, denn ich weiss, sie gehen wieder weg. Ich kenne sie, diese Wellen, und wenn sie wieder gegangen sind, dann ist es plötzlich merkwürdig, dann fühle ich mich merkwürdig.
Aber die Häuser stehen noch und mein Herz schlägt noch und ich hole Atem und die Abendluft ist frisch und erfüllt von Salz und Rosmarin.
Ich bin dann immer noch ein bisschen leer, aber ich bin nicht mehr gebannt von dieser plötzlichen Leere.
Ich fasse mit meinen Händen in den Sand und ich merke, dass mir das Meer Muscheln gebracht hat.
Es ist ein bisschen leer, aber es ist eine schönere Leere als bisher.
Das Meer, die Trauer, dieses Gefühl ist nicht mehr mein Feind.
Nicht unbedingt mein Freund, eher ein.. Bekannter.
Jemand, der ein bisschen Sehnsucht, ein paar Tränen, aber auch viele Muscheln und Treibholz hinterlässt, das ein wundervolles blaues Feuer erzeugt, das mich wärmt und sich in meinen Augen widerspiegelt.
Ich bin noch da. Ich fühle, aber ich bin noch da.
Die Trauer ist nicht ich, ich bin nur traurig.

Ich weiss nicht, ob es verständlich ist, was ich damit meine.
Aber ich glaube, das ist ein wahnsinniger Fortschritt.
Und irgendwann, hoffe ich, werde ich das Meer verstehen, es lesen können und die Wellen abfangen, ohne es hinter kalten und hochaufragenden Mauern wegzusperren, ohne mich dem Land zuzuwenden und so zu tun, als höre meine Welt mit dem Beginn des Strandes auf.
Irgendwann werde ich so gut sein im Fühlen und im Gefühle handhaben, dass ich ein bisschen Mensch sein kann.
Ich glaube dran.

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