Ich hab viele Worte und Empfindungen in mir, die ich zur Zeit schwer ausformulieren kann.
Ich bin.. ein bisschen sturmgepeitscht, aber kein Stück Sturmmeer an der Küste, wo potentiell Schaden entstehen kann durch zu hohe Wellen, sondern irgendwo weit draussen, wo Wasser auf Wasser trifft und nicht mehr Schaden anrichtet als das es sich selbst verdrängt, erneuert und wiederfindet.
Meine Ausbildung ist gestartet und ich.. halt irgendwie mit.
Es wirkt ein bisschen unreal, es ist immer noch derselbe Arbeitsplatz, dieselbe Arbeit, dieselben Leute.
Irgendwie dachte ich, es ändert sich was. Aber.. hat es nicht. Noch nicht, zumindest.
Nächste Woche startet die Berufsschule und meine einzige Angst ist, dass es mir absolut keine Angst macht.
Ich dachte, vielleicht wird jetzt alles doof oder so, mit diesem Druck von dem alle reden, der mit der Ausbildung komme. Dieser Druck, dem ich ausgesetzt sein werde, dass man mir immer auf die Finger schaut bei der Arbeit und alles.
Vielleicht ist das aber auch nur eines dieser Leistungsbringermärchen. Vielleicht ist es hier ein bisschen anders.
Das Privileg des zweiten Arbeitsmarkt.
Alles in allem stehe ich diesem "neuen Kapitel" so indifferent gegenüber wie es nur geht.
Ich frage mich, ob es das ist, was die Leute "erwachsen sein" nennen.
Mir ist etwas bewusst geworden im Bezug auf meinen Vater und seine echt verdrehte Sicht auf alles Mögliche, insbesondere seine Wahrnehmung seiner Kinder.
Ich glaube das er, und auch seine Frau, einfach jederzeit von ihrer eigenen Realität ausgehen und es ihnen deswegen in Vielem gar nicht möglich ist, "weiter" zu denken.
Wenn sie beispielsweise hören, dass ich eine Persönlichkeitsstörung habe, aber gleichzeitig realisieren, dass es sich nicht so bemerkbar macht wie sie es erwarten, dann gehen sie davon aus, dass ich lüge.
Wohingegen ich, wenn ich höre, dass jemand... idk, eine shizophrene Störung hat, aber finde, dass man es nicht merkt, davon ausgehe, dass dieser Mensch einfach wahnsinnig gut gelernt hat, sich anzupassen.
Es ist also irgendwie gar nicht möglich, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen in einem Gespräch, weil wir, obwohl wir dieselben Worte nutzen und auf denselben Kontext eingehen, doch mit einer anderen Grundannahme reden.
Wie soll ich denn dem Tisch erklären, dass die Küche nicht die ganze Welt ist?
Er kann ja nicht hingehen und es sich ansehen. Er glaubt, dass, was er sieht, ist alles, was es gibt.
Wie kann er denn verstehen, dass es möglich ist, weiter zu denken?
Erst wenn das Haus niederbrennt oder einstürzt wird er erkennen, dass diese vier Wände seiner Welt in Wahrheit nichts als Scheuklappen waren, die ihm die eigentliche Aussicht versperrten.
Die Schönheit die in der Erschütterung liegt ist oft nicht direkt erkennbar.
Sie liegt darin, dass das Elend uns oft die Gelegenheit schenkt, uns selber, unsere Welt und alles um uns herum anders, neu, in einem grösseren Kontext zu sehen.
Irgendwer, ich glaube, es war meine Schwester, sagte mir mal, dass es ein Fluch und ein Segen zugleich ist,
über den Tellerrand hinauszusehen, und dass sie sich manchmal wünsche, es nicht getan zu haben.
Das ist wahr.
Nicht zuletzt, weil man als jemand, der mehr wahrgenommen hat, eben plötzlich auch versteht, wie wenige das ebenfalls so erleben.
Dass es mit manchen Menschen nicht möglich ist, auf Augenhöhe zu verkehren, weil man entweder nicht vom Selben spricht, oder aber sich auf die kleinere Variante dieser Welt einlassen muss, die der andere als sein Universum sieht, was es mitunter nicht mehr möglich macht, den eigenen Punkt überhaupt anzubringen.
Klingt das überheblich, wenn ich das so schreibe?
Es ist nicht überheblich gemeint.
Menschen sind eben verschieden, das ist weder gut noch schlecht.
Ausserdem, so wenig wie mein Tisch-Vater verstehen kann, was ich über die Trümmer meiner Wände hinaus sehe, so wenig kann ich nachvollziehen, wie diese intakte Küche von ihm ausschaut und wie er sich damit fühlt.
Nicht zuletzt weil er immer wieder damit konfrontiert ist, dass es da draussen mehr geben muss als nur die verputzten Wände mit Gardinen.
Ist er frustriert weil er es nicht sehen, nicht verstehen kann?
Ist er wütend, weil er glaubt, wir lügen ihn an?
Hält er uns für Träumer, die einfach nicht in der Realität leben wollen?
Fragen über Fragen, die ich ihm nicht stellen kann, weil meine Küche nicht mehr steht.
Vielleicht ist es auch eher so, dass wir beide in derselben Küche stehen, aber er ist ein Tisch und ich bin... eine komplizierte Topfpflanze.
Wir sehen genau das selbe, aber weil er ein Tisch und ich eine Pflanze bin, nehmen wir es anders wahr.
Dieselbe Seele in einer anderen Welt oder eine andere Seele in derselben Welt; spielts letzlich eine Rolle? Wir können uns nicht verstehen, das ist was bleibt, so unterm Strich.
Es gibt auch Dinge, deren Horizont mir völlig fremd bleibt.
Am ersten Einführungstag der Ausbildung hatten wir eine Gruppenarbeit mit den anderen Mitlernenden, wo wir Punkte sammeln sollten, die uns als Chef*in wichtig wäre, hätten wir Lernende.
Einige wollten unbedingt eine Kleiderordnung mitdrin haben.
Weil "Kerle sich doch nicht mehr konzentrieren können, wenn eine Dame mit einem Minirock zur Arbeit kommt."
Ich frage mich, ob diese Menschen einfach nur fürchterliche Vorurteile haben, in engstirnigen Schubladen denken, doof sind oder ob mich der Mangel an erlebter sexueller Anziehung einfach naiv macht.
Ich möchte nicht naiv sein, naive Menschen werden hintergangen.
Und doch.. traue ich es heterosexuellen Männern durchaus zu, mit Kolleginnen im Mini zusammenzuarbeiten ohne Leistungsabfall. Oder ist das bei sexuellen Menschen so?
Ist dieser Trieb, der mir fehlt, wirklich so eine starke Kraft im Leben?
Wie ist es denn mit heterosexuellen Frauen, können die sich konzentrieren wenn ein Kerl.. idk, n Tanktop oder so trägt?
Wie ist es mit homosexuellen Mitarbeitern?
Wie ist es, wenn man auch Frauen steht und sich trotzdem unter Frauen umzieht? Oder in derselben Situation als homosexueller Kerl?
Lässt sich sexuelle Anziehung ausstellen? Also; kann ein sexuell aktiver Mensch willentlich bestimmen, ob jetzt grade der Zeitpunkt ist, um jemanden "geil" zu finden oder nicht?
Das ist kompliziert.
Und weil jeder Mensch anders ist, gibt es wohl auch keine Einheitliche Antwort.
Trotzdem: Wie zum Teufel kann einen ein fucking Minirock ablenken? Oder eher die Haut, die dadurch sichtbar wird?
Wieso guckt man sich andere Menschen überhaupt so genau an diesen Stellen an?
Iieh.
Irgendwie stelle ich mir einen Sexualtrieb zu haben echt schrecklich vor.
Zumindest manchmal.
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