Manchmal denk ich mir, man müsste doch eigentlich Bücher schreiben über all die Menschen die man so getroffen hat.
Jetzt nicht speziell ich, oder speziell irgendwer, sondern generell. Menschen treffen ist eines der faszinierensten und beängstigenden Dinge die das Leben zu bieten hat.
Du musst dich auf jemanden - etwas - einlassen, das du in seiner Gesamtheit nie wirst erfassen können. So viele Abers und Vielleichts und Möglicherweises und und und die eine Rolle spielen. So viele Tage die dieser Mensch gelebt, gelacht, geweint hat, Dinge erfahren, Dinge geschehen lassen hat. Und ich, ich kleines Wesen stehe hier vor ihm und versuche, mit ihm zu kommunizieren ohne eine der abertausend Wunden zu treffen die Leben halt so mitsich bringt. Versuche zu erfassen, was dieses Universum vor mir bewegt, was es in Bewegung hält, was es zum stehen bringt.
Menschen sind so wahnsinnig viel mehr als nur das, was wir sehen, und doch ist es das einzige, was wir als Anhaltspunkt nehmen und nehmen können, um eine Konversation zu starten.
"Hey, ich mag dein Shirt!" "Hey, coole Tasche!" "Hey, die Serie auf deinem Pulli kenn ich auch!"
Ich erdreiste mich, zu wissen, was in diesem Menschen vorgeht, was für ein Herz in ihm schlägt, obwohl ich nichts, NICHTS weiss als das was ich erfassen, sehen kann. Und das ist nichts, was ich wirkich beurteilen könnte.
Vielleicht hat er das Shirt geschenkt gekriegt und trägt es mehr aus Pflichtbewusstsein. Vielleicht war die Tasche die einzige, die er sich leisten konnte, vielleicht hat er sich den Pulli ausgesucht, weil er die Farben mochte und kennt die Serie gar nicht.
So viele Möglichkeiten, so viele Facetten die "Leben" miteinschliesst.
Und ich soll nun hingehen und ein Gespräch führen? Wo fang ich denn da an? Wo hör ich auf?
Mich interessiert doch gar nicht, was deine gesellschaftlich akzeptierten Standardantworten auf Fragen sind, die ich mir nie merken kann.
Erzähl mir von dir. Von dem wirklichen dir.
Und wenn dieses wirkliche "Du" eine Zusammensetzung aus Small Talk und Höflichkeitsfloskeln ist, dann ist das in Ordnung. Ich bestimme nicht, was du preisgibst, wohin du das Gespräch lenkst, ich sauge nur auf was du sagst und hänge es an die Pinnwand meiner Begegnungen, diese tausende von Zettel die da alle hängen und die ich noch genau zuordnen kann.
Ich kann nicht der einzige sein, der davon überwältigt und fasziniert ist.
Ich erinnere mich. Ich erinnere mich an all diese Menschen, in Ausbildungen, Schulen, Kliniken, Therapieräumen, Urlaubsorten. An alle die Menschen die indirekt in Parallelklassen, Nebenstationen, vor oder nach mir da waren, all die Menschen die Eindrücke und Abdrücke von sich selbst hinterlassen haben, deren wahre Gestalt ich nie gesehen habe aber so viel gehört und erfühlt durch die Erzählungen anderer.
Manchmal denke ich, man müsste Bücher darüber schreiben.
Und dann fällt mir wieder ein, dass ich dann einen Menschen auf das herabbrechen müsste, was ich wahrnehme und erspüre wenn ich in seiner Nähe bin.
Reicht das?
Reicht das?
Ich weiss es nicht.
Menschen sind furchterregend faszinierend.
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