Lieber Martin
Der Juni hat wieder angefangen, und es ist wieder ein Jahr länger her seit ich dich zuletzt gesehen hab. An meinem Geburtstag, wo du mit diesem verletzten Blick und ganz viel Widerwillen doch gekommen bist. Ich habe nachts deine Hand genommen, und du hast mich angesehen und irgendwie hat sich die Welt aufgehört zu drehen.
Es ist so seltsam, wir sind jetzt schon so weit weg voneinander, Monate, Jahre.
Der Fluch an der Zeit ist, dass sie niemals stillsteht.
Jede Minute, jede Stunde entfernen wir uns weiter voneinander. Während die Distanz dadurch angehalten werden kann, dass man einfach stehen bleibt, sich zwar nicht näher kommt aber auch nicht weiter wegdriftet, ist die Zeit ohne unterlass fliessend.
Und mit jedem Jahr werden wir ein Stückchen fremder, die distanz zwischen uns grösser, und irgendwann, wenn wir beide tot sind, trennt uns ein ganzes gelebtes Leben. Und während ich es dir wünsche, das dein gelebtes Leben schön war, so macht es mich auch ein bisschen traurig das es schön war ohne mich.
Ich war heute bei meiner Grossmutter, sie hat mir Aprikosen geschenkt. Das Fruchtfleisch ist süss, aber die Schale ist ein bisschen sauer. Wer nur ein bisschen dran knabbert, der legt die Aprikose vielleicht bald wieder weg, ohne je von ihrem leckeren Innern zu erfahren.
Man schält Aprikosen nicht, drum ist diese Täuschung unvermeidbar.
Man schält auch Menschen nicht, und oft scheitern wir an der sauren Schale.
Ich wünschte, ich hätte mich für dich schälen können.
So, dass du mein inneres siehst, roh und ein bisschen chaotisch aber aufrichtig, verzweifelt und verwirrt aber da.
Ich kann dir nicht sagen ob ich ein guter mensch bin, aber ich kann dir versichern, das ich aufrichtig bin und war.
Mein lieber Martin, es ist wieder Juni.
Bald wird es Sommer, ohne dich.
Machs gut,
Jin
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