Lieber Paddy.
Ich möchte dir gerne ausführlich schreiben heute, dir erzählen und dich fragen, berichten, ein bisschen lachen und ein bisschen weinen.
Aber ich habe keine Worte.
Ich habe nur Musik, Melodien, Rhytmen die mein Herz noch kennt, die meine Hände noch fühlen,
ich habe hunderte von Tönen und Klängen, die ich dir schenken kann.
Ich wäre gerne gemässigt und reflektiert, aber ich kann nur schreien.
Surrender
every word, every thought, every sound
Surrender
every touch, every smile, every frown
Surrender
all the pain we've endured until now
Surrender
all the hope that I lost, it was found
Surrender
yourself to me
Surrender | Billy Talent
In meinem Kopf stehe ich in der Kristallhöhle, der Kaverne aus tausend Reflektionen und Lichtschimmern,
ich bin Domino und ich weiss, Lily ist weg.
Weisst du, vielleicht wäre es einfacher wenn ich sagen könnte, ich habe dich geliebt,
auf eine gesellschaftliche Art, wenn ich dich unter vergangenem Herzschmerz verbuchen könnte.
Es wäre einfacher anderen zu erklären, wer du warst, wer du für mich warst, wer du für mich bist.
Denn wer du eigentlich bist, das weiss ich nicht.
Vor Kurzem habe ich den Begriff "ghosting" kennengelernt.
Aber rein von der Begrifflichkeit habe ich damit nicht viel anfangen können; das ist doch dieses Ding, das Menschen passiert, die Onlinedating betreiben.
Das ist doch das, was passiert, wenn einer mehr will als der andere.
So war das mit dir ja nicht.
Und doch: eigentlich ist "ghosting" das Wort, dass beschreibt, was passiert ist.
Du bist einfach gegangen.
So, wie man eben gehen kann, wenn man nur Stimme und Wort in einem Textfenster, Datenströme, einsen und nullen, ein Code in einem Rechenzentrum ohne Gefühle.
Wenn man nur ein Name und eine Nummer und ein kleines "Plopp" unten am Bildschirmrand ist.
Wenn man nicht in Augen sondern in einen LCD-Monitor starrt und sein Herz bindet an das Nicht-Sein einer digitalen Silhouette.
Du bist nicht gegangen; du bist viel eher nicht mehr gekommen.
Nicht mehr online, nicht mehr verfĂĽgbar.
Nicht mehr erreichbar.
Ich habe geschrien, ich habe geflucht, ich habe geweint, ich habe getobt; aber du - dein Internet-Ich - bliebst grau.
Unsichtbar.
Unerreichbar.
Drei Mal.
Drei verfluchte Male hast du das durchgezogen.
Dich dann doch wieder gemeldet, nach Monaten, einmal sogar nach einem ganzen verdammten Jahr.
Und ich habe immer wieder genau da gestartet, wo du aufgehört hattest,
ich habe das nächste Puzzlestück genommen und an seinen vorgesehenen Platz getan, ohne darauf zu achten das Zeit und Raum und Charakter sich verändern, das nichts bleibt wie es ist, und dieses Puzzlestück von damals nicht mehr passt.
Wir waren beide nicht in der Lage, das zu verstehen und haben zwei Mal wieder genau da angeknüpft, wo wir gedacht hatten, hätten wir aufgehört.
Wir haben gesungen, und plötzlich war das Blatt weiss und unsere Melodie ziellos, doch wir haben weitergesungen, uns und die Töne neu erfunden, und als da plötzlich wieder Noten waren, waren es nicht mehr dieselben und wir haben keinen Einklang mehr gefunden.
Aber wir haben es nicht bemerkt, ich habe es nicht bemerkt, weil ich die Augen aufgerissen und die Ohren zugehalten habe,
weil ich nicht hören wollte, das nichts stimmt, ich wollte nur sehen, dass du da bist.
Du hast mir sogar kurz bevor du zum dritten Mal - zum letzten Mal - verschwunden bist gesagt, dass wir keine Freunde mehr sein können.
Weil sich Zeiten ändern.
Du hast mir gesagt das du mich mal geliebt hast, aber deine Freundin nicht verlieren wolltest,
dass du nicht weisst, was du willst, was du wolltest oder was das Beste wäre.
Aber ich habe dir nicht zugehört.
Ich habe dir nur gesagt, dass es mir egal ist und ich dich trotzdem mag.
Du hast mir gesagt, dass deine Freundin das doof findet.
Wir waren zwei gleiche Puzzleteile, die nicht ineinanderpassen, die sich nicht fügen können,
zwei gleiche Teile von unterschiedlichen Puzzles mit unterschiedlichen Motiven.
Wir waren uns so unfassbar nah, obwohl wir physisch so unfassbar weit entfernt waren voneinander.
Bitte verzeih mir, dass ich dich nicht verstanden habe.
Bitte, verzeih mir.
Als du zum dritten Mal verschwunden bist, bin ich in den Chat deines Livestreams und habe versucht, dich zu zwingen, mir zu antworten, ich habe versucht vor Zeugen zu belegen, dass wir uns kannten, dass du nicht einfach so weglaufen kannst.
Es war falsch und es tut mir leid. Es muss schwierig gewesen sein fĂĽr dich, dich vor deinen Freunden, die vermutlich in all den Jahren nie erfahren hatten ,dass es mich gibt, zu rechtfertigen, wer ich bin.
Vielleicht hast du auch abgestritten mich zu kennen, mich einen Troll genannt; vielleicht hast du auch gar nichts gemacht.
An diesem Abend habe ich dich überall gelöscht, blockiert, verbannt aus meinem Leben.
Verbannt aus diesem Leben, das du eigentlich gar nie betreten hattest.
Wer warst du denn?
Was warst du?
Wer bist du?
Ich weine während ich das hier schreibe, ich weine weil ich es nicht weiss,
weil mein Herz schmerzt, weil ich dich vermisse, obwohl unsere Bekanntschaft doch so.. unweltlich war.
Warum spĂĽre ich dann so weltlich, dass du nicht mehr da bist?
Well you'd better watch your step
[ ] a diamond on a landmine
Better watch your step
[ ] a diamond on a landmine
Better watch your step
[ ] a diamond on a landmine
Waiting to explode
Diamond on a landmine | Billy Talent
Du warst der Diamant und ich die Mine,
und ich bin hochgegangen und habe uns beide in abertausende StĂĽcke zerissen,
an diesem Abend.
Ich habe nie wieder von dir gehört.
Und obwohl ich meiner Betreuerin gesagt habe, dass ich durch bin mit dir, so bin ich das eigentlich nicht.
Wie kann ich denn durch sein mit dir, wenn es doch eigentlich nie geendet hat?
Es war einfach plötzlich nichts mehr, und ich weiss nicht wohin ich das verräumen soll.
Wohin kommt denn Nichts?
Jez hab ich doch ganz schön viel geschrieben,
auch wenn ich nie und nimmer an das rangekommen bin, was ich sagen wollte.
Ich wollte gerne die Jahre, die wir hatten, in Worte fassen.
Meinen Schmerz und wie blöd ich mir nun vorkomme,
dass ich dir, einer Onlinebekanntschaft, so viel Zuneigung entgegengebracht habe.
Aber ich will nicht bereuen, dass es so war.
Du warst gut, du bist grossartig, du warst Sonne und Wärme und viele gute Zeiten für mich,
ich möchte mich an dich erinnern und mir selber sagen können: Das war schön, auch wenn es nicht schön geendet hat.
Auch wenn es nicht geendet hat.
Wenn es einfach vorbei war.
Lieber Paddy, ich will dir so vieles sagen.
Aber in erster Linie: Danke.
Danke fĂĽr die Jahre. Jedes Wort, jeden Satz, jedes Telefonat.
Jede Minute und jede Stunde, jede Nachricht, jeden Witz und jede Träne.
Danke, dass du mit mir gelacht und geweint und geblödelt hast.
Danke, dass du zweimal wieder zurĂĽckgekehrt bist und mir noch ein paar mehr Erinnerungen geschenkt hast.
Danke fĂĽr deine Stimme, die Lieder, die Melodien.
Danke fĂĽr den Wiederhall von GlĂĽck.
Ich erinnere mich an dich.
Happy Birthday.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen