Mittwoch, 22. Januar 2020

Aristocrat

Ich nehme zu viel Raum ein.

Wie kann ich mich denn leer fühlen und mit dem Leben hadern wenn die Menschen um mich herum selber kämpfen?
Es geht mir nicht gut, aber ich habe grade keine Möglichkeit dass du äussern.
Wie könnte ich denn?
Auch anderen geht es schlecht.
Vanessa sagt mir nach der Mittagspause in der Schule, dass sie einfach nicht weiss, wie sie mit dem Tod ihrer Grossmutter umgehen soll und dass sie wieder in alte Verhaltensweisen zurückfällt.
Und sie sieht mich an und ihre Augen schreien mir ins Gesicht, dass sie nicht weiter weiss, nicht mehr sagen kann, und das braucht sie auch nicht, denn ich weiss was sie meint.
Ich weiss, was ihre Worte bedeuten; ein paar Gramm mehr am Abend, ein Kreislauf aus Schuldgefühlen und Wut, Blut und schlaflose Nächte.
Ich weiss, was sie meint und mein Herz zerbricht weil ich ihr keinen Rat geben kann, wei ich ihr nichts mitgeben kann ausser einem "Es tut mir leid das zu hören".
Dani, der morgens zu spät zur Arbeit kommt, obwohl er normalerweise immer zu früh ist, der kein "Guten Morgen" und kein "Schönen Abend noch" bringt, obwohl ihm das sonst so wichtig ist, und ich kann nichts tun ausser ihm auf die Schulter zu klopfen und ihm sagen, dass er nicht alleine ist, dass er sich melden soll, wenn ich was für ihn tun kann.
Ich kann nichts tun ausser dasitzen und ihm mitteilen, dass ich ihn höre, dass ich seine Stille wahrnehme und verstehe, was mir seine Ausstrahlung dort in der Ecke am anderne Ende des Büros entgegenschreit.
Ich fühle dich, ich sehe dich.

Ich denke und denke und überlege wie ich helfen kann, und es bleibt doch bei blöden, ausgelutschten Worten die von Herzen kommen, aber nichts bedeuten, weil sie mein Gegenüber nicht erreichen.
Weil sie hohl und phrasenhaft keine Spuren hinterlassen, sondern mit dem Staub hinausgewischt und vergessen werden.

Es tut mir leid, dass ich keine Sonne bin, die ganz natürlich Wärme und Licht und Leben verstrahlt, dass ich nicht natürlicherweise jederzeit die richtigen Worte und Taten zur Hand habe,
dass ich nur ich bin und ihr euch aus purer Gutherzigkeit die euch doch so stark zu eigen ist auch noch mit mir abgeht.

Ich nehme zu viel Raum ein, zu viel Platz, physisch wie mental auf einer Ebene zwischen Wort und Blick, auf der Ebene wo Beziehungen stattfinden.

Es tut mir leid.
Es tut mir leid.
Es tut mir leid, dass es euch nicht gut geht, es tut mir leid, dass manchmal durchscheint, dass es mir grade nicht gut geht, es tut mir leid dass ich euch nicht kommuniziere wie es aussieht, es tut mir leid dass ich so ein zwischenmenschlicher Chaot bin.
Es tut mir leid.

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