Sonntag, 19. Januar 2020

Holes

Krisen.
Dinge, die passieren, wenn man sie am Wenigsten brauchen kann.
In Zeiten wie diesen wird mir einmal mehr bewusst, dass ich chronisch Krank bin.
Es ist so einfach zu vergessen im Alltag. Zur Therapie gehen, ein paar Fortschritte machen,
Dinge klären, Dinge erreichen; aber der eigentliche Teufel in meinem Kopf ist nicht das, sondern die Gefahr jederzeit wieder alles zu verlieren, was ich hatte.
Meinen Mut, meine Zuversicht, meinen Lebenswillen.
Einfach so.
Grade noch warst du im Gespräch, hast was gelesen, hast vielleicht sogar gelacht - und plötzlich ergibt nichts mehr Sinn.
Nichts.
Plötzlich bist du nicht mehr als die Leere in den Augen deines Spiegelbilds, plötzlich bist so weit weg von dir selber.
Und jeder Tag ist ein Kampf, weil du jeden Morgen nicht aufstehen, nicht leben magst.
Weil du jeden Tag nicht mehr Leben magst.

In mir drinn ist ein Abgrund und ich lerne, immer bessere Brücken zu bauen, damit er mich nicht am Leben hindert. Aber von Zeit zu Zeit geht die Brücke kaputt, weil ich noch nicht genug über Konstruktion weiss, weil ich noch nicht genug über den Einfluss von Wind und Wetter weiss, weil ich noch nicht stark genug bin, die wirklich stabilen Stämme zu tragen.
Ich kann lernen immer besser darin zu werden, nicht nur eine sondern zehn Brücken bauen, so dass es einen verschmerzen mag,
aber dennoch; der Abgrund bleibt ein Abgrund. Egal wie gut ich ihn kenne, egal wie hoch oben ich über ihm bin, egal wie viele Stahlstreben ich benutze - die Gefahr des Abgrunds bleibt.
DAS ist es, was es bedeutet, unheilbar psychisch krank zu sein.
Wie ein Alkoholiker der zwar seid Jahren trocken, aber trotzdem nie wieder "geheilt" sein wird.
Der lernen kann, Dämme zu bauen, immer bessere und stärkere und immer mehr Lebensfreude im Tal ohne Meer findet, aber dennoch niemals ganz sicher ist davor, dass der Damm bricht, dass es zu sehr regnet, dass es stürmt.

Die Kunst besteht darin, Experte zu werden im eigenen Krisenmanagement. Dass hat mir eine Pflegerin in der einen Klinik immer und immer wieder gesagt, und in Zeiten wie diesen muss ich wieder daran denken.
Lernen zu erkennen wann die Brücke schwächelt, lernen zu merken wenn der Wind zu stark ist.
Lernen zu lauschen, das knirschen und knacken richtig deuten.
Frühwarnzeichen heisst das in der DB-Therapie - der Dialektisch Behavorialen Therapieform die speziell für Borderline-Patienten entwickelt wurde.
Frühwarnzeichen; kennen und erkennen lernen.
Ich weiss schon recht gut, wann eine Krise kommt.
Es ist ein bisschen wie mit dem schlimmen Bein, dass vor dem Sturm besonders schmerzt,
genau so bin ich unruhig und unkonzentriert, mehr als sonst, kurz bevor die Stricke reissen.
Unvorsichtig, Risikoverhalten ohne bewusste Absicht. Auf der Strasse laufen anstelle vom Bürgersteig, nur knapp vor dem Auto vorbeirennen. Hinter geparkten Autos hocken und die Augen schliessen.
Unvernünftig, idiotisch; Frühwarnzeichen.
Der Verlust von Interesse, Verlust der Beigeisterungsfähigkeit; ich kriege den Manga, auf den ich schon Tage gewartet habe, aber ich habe kein Verlangen ihn zu lesen.
Ich erhalte eine liebe SMS aber ich öffne sie gar nicht weil ich so erschöpft bin.

Erschöpfung, Müdigkeit, Ermüdung.
Müde sein, immer, jederzeit, von Morgens bis Abends immer das Gefühl, mit dem nächsten Atemzug zusammenzubrechen.
Innere Unruhe, immer dsa Gefühl gleich passiert etwas schlimmes, übervorsichtig die Haustüre zehnmal überprüfen, vor dem Schlafen gehen die Sicherungen rausdrehen aus Angst, der Herd möge noch an sein.
Frühwarnzeichen.

Am schlimmsten im Moment ist die Müdigkeit.
Ich bin quasi dauerhaft krank. Fieber, erkältet, und immer immer immer diese Erschöpfung.
Mittags nach hause und es um eins nicht mehr aus dem Bett und zur arbeit schaffen.
Extra für die Auswertung der Sememsterarbeit ins Büro gehen und danach direkt nach Hause und die Energie reicht nicht einmal mehr dafür, die Schuhe auszuziehen.
Auf dem Boden vor der Wohnungstür hocken und auf die Poster starren, sie langsam schon auswendig kennen mit jedem einzelnen Knick und jeder Falte der Kleidung darauf.
An die Wand starren und vergessen, wie Leben funktioniert.

Es ist eine "sichere" Krise. Eine, die ganz sicher vorrübergehen wird. Ohne Kollateralschaden.
Das ist noch ein bisschen ungewohnt für mich, denn bisher bedeuteten Krisen immer Selbstmordversuche, Klinik, Geschrei und Untergang.
Grade.. bedeutet es einfach nur, dass ich sehr viel weine, sehr viel schlafe und ein bisschen sterben möchte. Dass ich trotzdem noch zur Arbeit und zur Schule gehe, dass ich dennoch /irgendwie/ weiterlebe. Das ist ein bisschen verwirrend.
Aber ich bin besser geworden mit mir selber, ich bin sicherer im Umgang mit meinen Krisen und Abgründen.
Ich bin zwar hinabgestürzt, aber ich habe nicht vergessen, dass ich da ein Sicherungsseil platziert habe, genau für diesen Zweck, und grade hänge ich im Seil und erhole mich vom Schock so plötzlich den Boden unter den Füssen verloren zu haben.
Es ist okay erschöpft zu sein.
Es ist okay eine Weile nicht viel Leisten zu können.
Denn ich weiss, sobald ich mich wieder gestärkt fühle kann ich das Seil hochklettern und wieder an die Arbeit gehen meine Brückenkonstruktion zu verbessern, immer weiter zu verbessern.

Leben ist Leiden, aber Leben ist auch weiterkommen.
Ein Schritt nach dem anderen, ein Balken, ein Stahlträger nach dem anderen baue ich mir eine Brücke, die mich zwar nie endgültig vor dem Abgrund schützt, aber mich so vertraut mit ihm macht, dass ich ihn irgendwann nicht mehr fürchten brauche.

Leben ist anstregend.

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