Ich schaue Dokus über Psychiatrien. Die Leute da, die Moderatoren
und Angehörigen, sagen immer wieder das es ja so "anders" ist als sie
gedacht hätten, dass sie sich das nicht vorstellen können, dass es ja
doch nicht so "verrückte" sind wie gedacht.
Und ich frage mich: Ist das wirklich die Einstellung der Nicht-Kranken Bevölkerung?
Denkt die Mehrheit wirklich, dass da nur "Verrückte" sind, die sich auch so verhalten?
Als
ich das erste Mal in eine Klinik eingeliefert wurde, war ich 19.
Vielleicht liegt es dran, dass ich schon lange vorher Kontakt zu
"Gleichgesinnten" mit Psychischen Erkrankungen hatte, durch Foren und
ambulante Therapie, aber ich habe nie über diese Diskrepanz zwischen
"Draussen" und "Drinnen" nachgedacht.
Mir sind durchaus Leute begegnet, vor allem in der Tagesklinik, die meinten, sie schämen sich in einer Klinik zu sein,
sie seien doch nicht gestört.
Ich hab das nicht verstanden.
Ich hab mich nicht angegriffen gefühlt oder so, ich hab' es nur nicht verstanden.
Für
mich war es stehts ein Geschenk die Chance zu kriegen, an mir zu
arbeiten und das in einem Umfeld, dass mir mehr Verständnis
entgegenzubringen vermag als mein Vater zuhause.
Vielleicht war mir einfach schon früh klar, dass ich selber "gestört" bin und deswegen ist mir das nie so aufgefallen.
Ausserdem bringen mich diese Erlebnissgeschichten zum Nachdenken.
Ich
frage mich; hat denn mein Vater wirklich nicht gemerkt, dass sein Kind
nicht alle Latten am Zaun hat, aus seiner Sicht gesprochen?
Das sein Kind, mit 11 Jahren, sterben wollte?
Ich frage mich; hat dass denn wirklich keiner gemerkt?
Die Sache ist: Ich habe früher extrem viel gelogen, aber ich war immer ein schrecklicher Lügner.
Auch
heute bin ich absolut nicht in der Lage, nonchalant die Unwahrheit zu
sagen, nicht mal dann, wenn es vielleicht notwendig wäre.
Wie kann es denn sein, dass ich, mein Kinder-Ich, so viel besser in der Lage war das zu verstecken und Lügen zu erzählen?
Wie zum Teufel kann dass denn nicht aufgefallen sein?
Vielleicht ist es das, aber keiner wollte hinsehen.
Ist denn nicht aufgefallen, dass eine halbe Flasche Putzmittel fehlt? (Also.. der Inhalt.)
Dass
es plötzlich wesentlich weniger Medis in diesem (an sich echt
merkwürdigen) Tupperware-Behälter waren, in dem meine Eltern aus welchen
Gründen auch immer irgendwelche random, nicht angeschriebenen Medis
aufbewahrt haben?
(Ernsthaft. Wieso war das Zeug für uns Kinder eigentlich so leicht zugänglich?)
Hat denn in der Schule keiner hingeschaut?
Dass ich zwar da war, aber eigentlich nicht?
Vielleicht war das auch nichts Besonderes - ich erinnere mich nicht gut daran ob ich ein aufmerksames Kind war oder nicht.
Beide
Male, mit 11 und mit.. 13 (?) ist der Morgen einfach trotzdem gekommen
und die Leute um mich herum haben weitergemacht und ich auch. Irgendwie.
Ich war lange Zeit fest überzeugt davon, dass ich halt einfach nicht sterben darf.
Dass ich dieses Leben aussitzen muss, auch wenn ich nicht will.
Dass dies meine Strafe ist, die Strafe dafür, dass ich kein guter Mensch bin.
Als
ich mit 16 oder 17 meinem Vater gestanden habe, dass ich Probleme habe
und gerne in eine (offizielle) Therapie möchte, meinte er, dass er sich
das schon irgendwie gedacht hat.
Und ich habe mich gefragt: Was hast du dir gedacht?
Seit wann?
Wieso hast du nie was gesagt?
Wieso hast du mich alleine damit gelassen?
Ich war so unglaublich alleine.
Damit, dass ich nicht mehr leben will aber nicht sterben kann.
Damit, dass ich nicht weiss, wie ich weitermachen soll.
Damit, dass alles so unfassbar schmerzhaft war.
Damit, dass ich nie wusste was ich fühle.
Damit, dass meine Gefühle immer so übermanns gross waren und mich zu erdrücken drohten.
Damit, dass ich nicht verstanden habe was mit mir passiert.
Auch als du dann wusstest das ich Probleme hatte hat sich nicht so viel geändert.
Du
hast meine Therapie bezahlt und mich zu Erstterminen begleitet und
dafür war ich dankbar - versteh mich nicht falsch - aber ich war so
unfassbar alleine damit, dass ich jetzt offiziell "anders" bin.
Damit, dass ich irgendwann einfach den Stempel "Borderline" erhalten habe.
Was bedeutet das denn? Was hat es bisher bedeutet?
Wie geht es jetzt weiter?
Ich
bin in dieser Einsamkeit fast ertrunken und die wenigen Male, die du
mir Fragen gestellt hast, war ich nicht in der Lage dir vernünftig zu
antworten.
Du warst für mich nie ein.. "Elternteil", jemand, dem ich vertraue.
Halb will ich mich entschuldigen und halb will ich aufschreien, weil das alles so verworren und dumm ist.
Meine
Bezugspersonen waren schon früh nicht du oder meine Mutter, als sie
noch lebte, sondern die Worte auf dem Papier und ein paar hinter
Nicknames verborgene Menschen im Internet.
Menschen in Foren, die
mich als junger Mensch bedingungslos aufgenommen und mir geholfen haben,
diese Verwirrung in mir drin etwas zu entwirren.
Später dann waren es auch Psychologen, Bezugspersonen in Kliniken und noch später meine Betreuer*innen.
Natürlich
auch meine Freunde - aber die Meisten davon sind ja in meinem Alter und
honestly, wenn ein junger Mensch "abrutscht" sind es nicht
Gleichaltrige denen was auffallen sollte.
Wenn ich mir das so durchlese denke ich, dass ich wohl ein bisschen wütend bin.
Wütend auf meine Eltern, weil sie nichts gemerkt oder gesagt haben.
Wütend auf mich, weil ich so lange alles mit mir selber ausgemacht habe.
Wütend darauf, dass die Dinge sind, wie sie sind.
Ich glaube ich habe nicht wirklich ein Fazit.
Es sind nur Gedanken, die aufgeschrieben werden wollten.
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