Samstag, 9. April 2016

Tag 30 und 31 | Nachtrag von etwas Grossem



Ein Prozess, ein Werk.
Ein Momentum, Requiem,
etwas ganz ganz Grosses, Bedeutungsschweres.

Und doch nur irgendein Bild, kaum 2 Meter auf 1.50,
an irgendeiner Wand, irgendwo.
Mit Händen bearbeitet, von Farbe bespritzt, als hätte das Schicksal persönlich draufgespuckt,
in Giftgrün, höhnisch.
Feine, saubere Linien, in bravem, genügsamem Rosa,
fast nicht mehr sichtbar unter dem wild gewordenem Schrei in tiefblau,
kreuz und quer, ungeachtet der Ästhetik, dem, was sich gehört, dem, was schön ist.

Nein, schön ist dieses Bild nicht. Es ist auch nichts besonders Eindrucksvolles.
Aber es ist ehrlich.
Es ist so ehrlich, für mich, es ist so offenbarend und deutlich,
dass ich seit Donnerstag bis heute gebraucht habe, wirklich zurechtzukommen damit.

Phu.

Ich habe so viel gelernt die letzen zwei Tage.
Soviel...gesehen, erkannt.
Ich bin noch lange nicht fertig damit, es zu betrachten,
mich selber zu betrachten, im Spiegel, vor dem inneren Auge.

Jetzt, wo ich langsam anfange Konturen zu erhalten,
wo ich langsam anfange mich abzuheben vom Hintergrund, 
jetzt, wo ich angefangen habe, jemand zu sein.

Ich.
Erste Person singular,
auch mit unregelmässigen Verben relativ simpel zu konjugieren.
Aber was steckt da denn dahinter?
Wer ist dieser Ich, der isst, der redet, der tanzt, der schläft, der geht, der... [...] ?
Wer ist das?

Irgendwann, als ich noch viel jünger war, hatte ich einen anderen Namen.
Ich habe nicht angezweifelt, dass er zu mir gehört, man ist halt hineingewachsen,
in diese Rolle als Julia.
So geht es allen.
Aber irgendwann hat es nicht mehr gepasst.
Dieses "Ich", dass nicht wie andere Ichs einfach war, einfach tat, einfach hiess,
war eigentlich gar nicht da.
Dieses Ich war niemand, war niemand greifbares.
Meine Gefühle waren so weit von mir entfernt, dass sie für mich eigene Persönlichkeiten waren,
eigene Namen trugen, agierten ohne das ich sie verstand.
Diese Gefühls-Ichs, diese Seelensplitter waren ich.
Aber wer war dann ich ich?
Ich war kein Gefühl, mir war keine spezielle Aufgabe zugekannt,
ich war einfach.
Ein Bindeglied zwischen diesen Emotionen, der Kleber der alles zusammenhält.
Aber das ist doch niemand, oder?
Eine Holzkiste, bestehend aus zusammengeklebten Holzsstreben ist auch keine Holzkiste mit Leim,
sondern nur eine Holzkiste.

Ich hatte keine Meinung zu irgendwas, ich hatte keine Ziele, keine Wünsche, 
ich hatte nichts ausser ein paar pubertierenden Gefühls-Ichs die grundsätzlich nicht miteinander reden wollten,
sondern alle irgendwie ihr eigenes Ding durchgezogen haben.

Dann, irgendwann kam Jin.
Eigentlich weiss ich gar nicht, wie. Oder wieso. 
Es gab vor Jin einige andere, andere Namen, andere versuche, jemand zu sein.
Aber nichts hat wirklich gefruchtet, bis da.

Jin war plötzlich jemand.
Jemand mit Meinung, mit Vorstellungen, jemand der bewusst das Steuer übernommen hat.
Und langsam, in vielen vielen Stunden Therapie hat sich dieses "Ich-Gefüge" angenähert, zu sich gefunden und ein Seelensplitter nach dem anderen wurde wieder Teil von etwas Grösserem,
Teil von etwas, das als "Ich" funktionieren kann.
Dann, genau als dies geschehen war, die Gefühle ihre angedachten, wenn auch total ungewohnten Plätze eingenommen hatten,
genau da verschwand Jin wieder.
Irgendwo.
Und Ich - dieses Zwischeklebereigentlichniemand-Ich - war plötzlich Chef von etwas, das zusammen funnktioniert hat,
war plötzlich... Jemand.

Aber ich war nicht daran gewöhnt, Mensch zu sein.
Ich war nicht.. eigentlich nicht.
Und so hat dieses, mein Ich die Rolle vom Jin-Ich übernommen, und darin etwas gefunden,
was klappt. Nicht immer, meistens nicht so wie es sollte,
aber es klappt. 
So ist es jetzt seit vielen Jahren,
mit jedem Tag, jeder Stunde lerne ich, die ich jetzt wirklich ICH bin,
dazu, über mich, dieses Universum in meinem Kopf das sich "Freie Entscheidung" nennt.
Es ist faszinierend.
Und es ist ganz ganz wichtig.

Wenn ich sage, das ich jetzt vollständig bin, stimmt das nicht ganz - einer dieser Seelensplitter ist mir geblieben,
wenn auch nur als Ahnung, als Erinnerunng.
Anna-Rose, die Hüterin aller Erinnerungen an das, was meinen Kopf, meine Psyche krank gemacht hat.
Abgeschottet von mir, hinter Panzerstahl und Zahlenschlösser - ich kann nicht rechnen, hat gut funktioniert.
Als Schutz für mich, auf meinem Weg ins Leben, ins Erwachsensein.

Ich glaube, langsam habe ich das Zentrum ihrer Macht erreicht,
ich sehe ihre wohlgehüteten Schätze, diese Erinnerungen an mein Leben,
all das Schlechte, das beängstigende, aber auch alle schönen, erfüllenden Erlebnisse aus meiner Vergangenheit.
Und es ergibt plötzlich sovieles Sinn, es ist mit einem Male.. erklärbar.
Das ist faszinierend, erneut.

Wie kann ICH denn jemand sein, wenn ich mir selber keinen Wert zugestehe?
Ich habe mich ruiniert, jahrelang, für andere.
Emotional, finanziell.
Alles im Glauben, es sei gut so.
Das ist es auch, ja, aber nicht wenn ich jemand sein will.

Man kann nicht allen helfen.
Dieser Grundsatz ist ganz wichtig, ich verstehe ihn rational, schon ewig,
aber ich glaube, gefühlsmässig ist erst gestern bei mir angekommen, was das denn heisst.
Ich muss nicht mit jedem gut auskommen.
Ich darf es auch mal scheisse finden, was andere tuen.
Ich muss nicht bequem und rund und angenehm sein,
ich darf.
Ich darf.

Es ist ein einziges Wort, was mich so blockiert hat, und welches sich am Freitag im Gespräch mit der BP einfach lösen wollte.
Egoist.
Ha.

Ich habe nie 100% gegeben in Therapien, ich habe nie voll Gas gegeben.
Aus Angst, ein Egoist zu sein.

Es ist dieses eine dumme blöde Wort, welches ich so oft gehört habe zuhause,
in der Schule, überall, dass sich eingebrannt hat in meinen Kopf.
In der puren Verzweiflung, KEIN Egoist zu sein, bin ich irgendwo im völligen Gegenteil versumpft,
und habe trotzdem immer wieder gehört, das ich einer bin.

Ja, und?

Heh.
Egoismus ist nichts schlechtes.
An sich nicht.
Aber das muss ich erst noch verstehen lernen.

Nur schon, dass es zur Sprache gekommen ist, hat mir fürchterliche Angst gemacht,
dass ich jetzt schlecht dastehe vor meiner BP, wie ein trotziges kleines Kind oder so.
Das ich ein Trottel bin, weil ich nie alles erzählt habe in Therapien,
und so ganz viel Zeit verschenkt habe.
Das fürchte ich immer noch, verurteilt zu werden für meine Fehler.
Weil ich das viel zu lange wurde.

Ein ambulanter Therapeut von mir meinte einst,
dass er die Leute immer vor die Wahl stellt; entweder sie akzeptieren ihr Schicksal und ihre Vergangenheit,
oder sie werden mit 50 noch damit hadern und sich selber nur unglücklich machen.
Ich glaube, es war falsch von ihm, mir das zu sagen.
Ich meine, es ist wahr, er hat recht. Die radikale Akzeptanz ist etwas sehr wichtiges.
Aber in dieser Phase meines Lebens hat mich das in eine falsche Richtung geworfen,
es hat mir eingeredet, dass ich immer vernünftig und vorausschauend sein sollte in Therapien.
Das ist so ein Blödsinn.

Ich bin Borderliner.
Ich sollte rein pathologisch gesehen nicht mal in der Lage sein,
meine Handlungen vernünftig einzuschätzen, 
ich DARF auch einfach mal total unreif total beleidigt sein,
weil es grade nicht passt.
Punkt.

Das muss ich jetzt lernen.
Das wird schwer, aber der erste, wichtigste Schritt ist da,
ich WEISS es. Ich sehe es, ich verstehe es.
Das ist grossartig.

Und das alles nur wegen einem Bild, 
keine 2 Meter auf 1,50.






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