Der Teufel liegt oft im Detail.
Ich arbeite mit meiner Betreuerin im Moment sehr intensiv an Glaubenssätzen,
sogenannten Grundannahmen, die ich seit Klein auf mit mir herumtrage.
Letzte Woche sind wir dann endlich auf diejenige davon gestossen,
die quasi mein komplettes Leben diktiert.
"Egal, was ich mache, sage, denke, fühle; ich genüge nicht."
Es ist allgegenwärtig.
Ich hab mühe, das so ehrlich aufzuschreiben, weil ich mir denke,
ich will damit doch nur Aufmerksamkeit und ich bin eine kleine Heulsuse,
die sich einfach anstellt und irgendwas erfindet.
Und, und das wäre lustig, wärs nicht so tragisch, genau in dem Moment ist ebenjene Grundannahme aktiv.
Sie verbietet es mir, objektiv über mein Empfinden und Denken zu erzählen,
weil ich in dem permanenten, absoluten Wissen lebe, dass ich sowieso nicht genüge.
Wenn ich jemandem auf der Strasse begegne, laufe ich immer auf der Seite, wo die Strasse angrenzt,
damit, falls es einen Unfall gibt oder dergleichen, der andere nicht (direkt) verletzt wird,
sondern es zuerst mich trifft.
Das war mir bisher überhaupt nicht bewusst.
Erst dadurch, dass wir diesem Glaubenssatz auf den Grund gekommen sind,
dieser absoluten, totalen, widerspruchslosen Wahrheit das ich niemals geliebt werden kann,
das ich niemals wertvoll sein werde, erst dadurch fallen mir solche Sachen nun nach und nach auf.
Es ist so, dass ich eine rationale Ebene und eine Emotionale Ebene besitze,
das ist so.. quasi als wäre mein Kopf ein Regal, und ich sortiere Dinge die ich erlebe, fühle, denke,
sehe etc etc in eines der beiden Fächer in diesem Regal ein.
Beides geht nicht.
Aber ich kann dieses "Ding" umstellen, und es mal rational, mal emotional betrachen.
Diese Grundannahme war jahrelang.. Jahrzehntelang im emotionalen Fach abgestellt, hat Staub angesetzt, ist an den Ecken vergilbt, aber es war immer und jederzeit da.
Nun, da ich mir dessen bewusst bin, kann ich es manchmal zum Rationalen stellen - und stelle fest, wie abartig und wie.. tragisch(?) das irgendwie ist.
Wie unfassbar verdreht meine Empfindungen manchmal sind.
Aber eben.. es geht nur ein Fach auf einmal, zumindest im Moment.. und deswegen kann ich die zwei Dinge noch nicht miteinander in Verbindung bringen.
Ich merke, aha, achtung, Grundannahme, bin aber auf der emotionalen Ebene komplett angreifbar und offen,
drehe ich um und widme mich dem emotionalen bleibt dafür die Rationalität komplett auf der Strecke.
(Das ist übrigens auch der Grund, warum ich über traumatische Erlebnisse ohne "Probleme" reden kann und so gut wie absolut nie Flashbacks habe;
weil das Zeugs bei mir auf der rationalen Ebene steht.
Und Gott bewahre mich vor dem, was passiert, sollte mir das aus Versehen mal im emotionalen Bereich landen.)
Kaito hat mich gestern gefragt, ob er, falls er hier eine Ausbildung findet, ein paar Wochen hier wohnen könnte,
Anfangs halt, bis er was eigenes gefunden hat.
Zum einen bin ich absolut gestorben, weil er mich sowas gefragt hat,
weil er sich an mich gewendet hat. Weil er mit mir geredet hat!
(Ja, machmal bin ich wirklich wirklich doof. Aber das ist eben mein Kopf)
Und dann ist mir eingefallen, dass meine Eltern aktuell voll stress machen was sowas angeht,
und das die Chancen, dass das klappt, etwa bei -580 stehen.
Und genau in dem Moment, wo mir das bewusst wird, geht die Welt unter.
Wenn meine Eltern nein sagen und ich Kaito sagen muss, dass es nicht geht,
hasst er mich bestimmt und redet nie wieder mit mir.
Ich hätte mich früher mehr bemühen müssen, hätte mcih nicht so anstellen dürfen und so tun als wäre ich krank,
dann hätte ich jetzt ne eigene Wohnung und das alles wär kein Problem und er wirft mir das sicher vor wenn ich sage es klappt nicht und ich bin so ein Verlierer und enttäusche meine Freunde permanent,
ich warte nur auf den Moment an dem sie mich für immer verlassen werden, alle zusammen.
Wer will denn mit sowas wie mir noch befreundet werden, ich kann nichts leisten, ich kann nichts anbieten, es ist alles ganz allein meine Schuld.
Ich bin absolut und definitiv wertlos.
Weena und ich haben uns gestern(?) über Schokoladenriegel unterhalten.
Über einen, den es hier gibt, der ist innen weisse Schokolade und aussen mit Milch-, oder Bitterschokolade überzogen.
Weena meint, moah geil, is das Weisse denn solid oder mehr so Schokocremeartig, weil solide wär echt geil.
Ich gucke nach, fuck, das Zeugs ist eher Cremeartig.
Und in dem Moment geht die Welt erneut unter.
Er hätte doch lieber welche mit solidem Inneren, ich kann ihm nicht mal einen Schokoladenriegel bieten den er mag,
ich mach alles nur falsch und er wird sich insgeheim denken, dass es alles nur meine Schuld ist,
ich bin schlecht und unzureichend und nehme einem bessern Menschen nur den Platz weg.
Es beherrscht mein komplettes Leben.
Immer.
Überall.
Ich bin an allem Schuld, das alles liegt nur einzig und allein an mir.
Ich kann meine Gefühle nicht äussern,
ich kann mich oft nicht vernünftig ausdrücken,
ich habe ein Problem mit Nähe generell und ein noch viel grösseres Problem mit Intimität,
Ich stehe in allem, was ich tue, allen anderen nach, und weder Ehrgeiz noch Fleiss noch Wille können da etwas dran ändern.
Ich lese im Moment sehr viele Fanfictions.
In manchen geht es auch um Charaktere, die Panikattacken haben,
die Ängste haben, die sich selbst verletzten, denen es auch mal richtig mies geht.
Und da ist (fast) immer ein anderer Charakter, der diesen in den Arm nimmt und für ihn da ist,
der ihn niemals unter keinen Umständen verlassen würde.
Ich finde das furchtbar befremdlich.
Mir ist noch nie jemand auch nur näher gekommen,
wenn ich einen Panikanfall hatte oder wenn es mir so richtig mies gegangen ist.
Mit einer einzigen Ausnahme.
Im Juni 2016 hat Suzan mich in den Arm genommen, als ich heulend am Tisch im Aufenthaltsraum in der Klinik gesessen habe.
Und es war so mega schräg.
Weil.. ich weiss nicht, was sind denn Umarmungen?
Etwas, um sich zu begrüssen, eine Floskel.
So habe ich Umarmungen kennengelernt, und ich schwöre, ich habe niemals soviele Emotionen in einer Umarmung erlebt wie in diesem Moment.
Das war krass.
Und damit will ich nicht sagen, das mich nie jemand lieb umarmt hätte oder dergleichen,
überhaupt nicht. Es ist nur.. dieser absolut intime Moment mit jemandem zu teilen, ist krass.
Und vielleicht auch ein bisschen schön.
Gruselig und befremden, aber vielleicht auch ein bisschen okay.
Aber, und das überrascht mich 0, der Grund, warum das bisher nie geschehen ist, bin einfach nur ich.
Weil ich mich nicht mitteilen kann, wenn ich ein Problem habe,
weil ich mich nicht ausdrücken kann, weil ich sonst permanent das Gefühl habe, im Weg zu sein.
Weil ich es niemandem zumuten möchte, mich niemandem zumuten möchte.
Und es ist unglaublich schlimm für mich, das hier so aufzuschreiben,
weil ich weiss, das lesen Menschen, die mir wirklich nichts Böses wollen,
die immer zu mir gestanden haben, in jeder Lebenslage.
Und ich habe furchtbare Angst, diese Menschen, ich denke da jetzt im Speziellen an Lisa und Michelle,
sehr zu verletzen mit diesen Worten.
Das möchte ich nicht.
Ich will euch sagen, dass ich euch liebe und dass ihr unglaublich wertvolle Menschen seid.
Das ich jeden Tag angst habe, dass ich mich endgültig verlasst, das ich euch unumgänglich verliere.
Ich möchte euch sagen, dass es mir leid tut, dass ich ein Haufen voller Komplexe bin und das ich so denke,
und dass ihr viel zu gut für mich seid.
Ich will euch, und auch sonst niemanden, der sich um mich sorgt, damit verletzen oder vor den Kopf stossen.
Ich möchte nur aus meiner Sicht, absolut ehrlich, schildern, was in mir vorgeht.
Weil, je bewusster es mir wird, desto eher finde ich einen Umgang damit.
Hoffe ich.
Es tut mir leid.
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