Freitag, 28. Juni 2019

CLAiM your happiness

Lieber Martin

Wäre ich der ordentliche und gewissenhafte Mensch, der ich manchmal gerne wäre, könnte ich dir an dieser Stelle genau sagen, wie viele Jahre es nun schon her ist, seit du nicht mehr Teil meines Lebens bist.
Ich glaube es sind sieben, vielleicht auch sechs oder acht. Es ist eigentlich auch egal, weil ich schon lange weiss, dass Gefühle, die Guten wie die Schlechten, sich nicht an Jahreszahlen, an Ablaufdaten oder so halten. Gefühle verjähren nicht wie ein Rechtsanspruch, sie sind nicht plötzlich nicht mehr haltbar oder dergleichen.
Insofern ist es komplett egal.

Es gibt an dieser Stelle so vieles, das ich schreiben will, das ich.. erklären und nochmals aufleben lassen will, aber ich habe diesen Brief, diese Zeilen bereits heute in meinem Kopf geschrieben und nun ist mein mentaler Tintenfüller leer.
Ich habe Abschied genommen von dir.
Von unserer Zeit, von dieser unbändigen, brennenden, wunderschönen Liebe, die ich für dich empfunden habe.
Natürlich habe ich nicht einfach entschieden, dass es jetzt zeit ist, viel eher ist mir aufgefallen, dass ich schon seit einer Weile am Abschied nehmen bin.
Von der Schuld.
Von dir.

Ich habe dich geliebt.
Ich habe dich so unglaublich geliebt wie nichts auf dieser Welt, du warst das Schönste und Schrecklichste für mich. Ich hatte Angst vor diesen riesigen Gefühlen, weil ich nicht wusste wohin damit, weil ich damals noch so viel mehr der Intensität meiner krankheitsbedingten Emotionsregulierungsprobleme ausgesetzt war.
Das ist keine Entschuldigung, aber irgendwie will ich es doch noch mal zur Sprache bringen.
Ich war so dermassen überfordert, dass ich dich weggestossen habe.
Du, der du doch heller geschienen hast als alles andere auf der Welt,
du, der du mein Universum warst.
Du, den ich so sehr geliebt habe dass ich, nachdem du aus meinem Leben verschwunden warst, monatelang, fast jahrelang nicht mal deinen Namen laut aussprechen konnte, ohne in Tränen auszubrechen.

Ich hab' dir so viel Kummer gemacht, mit meinem Hin und Her der Dinge, mit meiner unsteten Art und meiner schlichten Blindheit was meine Gefühle angeht.
Es tut mir leid, dass du so gelitten hast wegen mir.
Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe.

Erinnerst du dich an den Tag an dem wir die Burg besucht haben? Ich hab' nicht die geringste Ahnung, wie sie hiess, wo sie war oder.. irgendwas, aber ich seh die Bilder, die wir da gemacht haben, noch deutlich vor mir.
Weisst du, an deiner Seite habe ich mich schön gefühlt.
Ein bisschen so, als wäre es okay, am Leben zu sein.
An diesem Tag hat die Sonne hell geleuchtet, aber nichts war für mich heller als du,
deine Hand, die Züge deines Gesichtes, die Art wie du die Mundwinkel verzogen hast beim Lächeln.
Es war warm, aber nichts war wärmer als du, als dein Blick, als die Tatsache, dass du neben mir standest.
Oder der Shoppingtrip wo du die grüne Jeans gekauft hast, in der du einfach so verboten gut ausgesehen hast. Du hast dir sogar die Haare gefärbt und deine Augen, die Augen an denen ich mich niemals satt sehen konnte, haben gestrahlt.

Jetzt, wenn ich das schreibe, wenn ich drüber nachdenke, wird mir klar: Ich habe dich wirklich unglaublich geliebt. So, wie ich nicht wieder geliebt habe.
Aber weisst du, das ist okay.
Es ist nicht so, als hätte ich "gar nicht mehr" geliebt, nur eben anders.
Ich habe Alpha geliebt, auf eine ambivalente Weise.
Ich habe Vin geliebt, auf eine verzweifelte Weise.
Ich habe Weena geliebt, auf eine sanfte Weise.
Ich habe Timo und Lucy geliebt, auf eine schüchterne Weise.
Und ich liebe sie alle heute noch, auf eine konstante Weise.
Und die Liebe zu dir war die intensive, feurige Weise.

Ich bin kein Mensch, der sich so leicht "entliebt".
Selbst Vin, der mir ein paar Latten mehr vom Zaun genommen hat, ist auf irgendeine Weise noch in meinem Herzen.
Auch Mark, bei dem ich nicht mal sagen kann, was genau ich für ihn empfunden oder nicht empfunden habe.
Und auch du wirst da bleiben.
Und endlich ist das okay.

Ich nehme nicht Abschied von dir, ich nehme Abschied von dem, was wir.. waren. Ich nehme Abschied von der Schuld, die ich so lange getragen habe, ich nehme Abschied von der verzweifelten, bodenlosen Trauer, die so lang untrennbar mit der Erinnerung an dich verwoben war.
Ich kann dir deine Gefühle nicht zurückgeben, ich kann dir den Schaden, den ich damals angerichtet habe, nicht wieder richten. Ich kann keine Tränen ungeschehen machen, aber ich denke, das braucht es vielleicht auch nicht.

Ich wünsche dir von Herzen, dass du die Wunden, die ich geschlagen habe, heilen kannst. Ob selber oder mit der Hilfe von jemand anderem - ich wünsche dir einfach, dass sie heilen.
Das sie bestenfalls bereits geheilt sind.
Ich wünsche dir alles Gute.

Ich werde dich nicht vergessen.
Danke, dass du meine erste Liebe warst.

Machs gut,
Jin



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen