Mittwoch, 5. Juni 2019

Manifest

Ich lese (mal) wieder Bis(s), respektive höre es, Hörbücher ftw
Aktuell bin ich beim verfluchten zweiten Teil und.. ich erinnere mich an so vieles.
Ich erinnere mich an Martin und an den Tag, an dem er gegangen ist.
Da war kein Wald und kein Spaziergang und kein wirkliches Gespräch, vermutlich hat es nicht mal geregnet.
Ich bin auch nicht weggelaufen und musste per Suchkommando wieder zurückgebracht werden - aber dieses Gefühl.
Es war dasselbe. Es.. ist ein bisschen das selbe, heute noch, wenn ich mich erinnere, so wie jetzt.
Ich denke oft an ihn, aber ich erinnere mich nicht mehr so oft wie früher.
Der Unterschied ist vermutlich, dass ich nicht vergessen habe, mich aber irgendwann in den langen Jahren seither irgendwie angefangen habe zu arrangieren.
Ich erinnere mich heute, wie alles zu Eis gefror, wie.. das Herz der Welt aufgehört hat zu schlagen.
Dabei war Martin kein selbstloser, verblendeter Vollidiot, sondern er war schlicht und einfach im Recht.
Es war sein absolutes Recht, zu gehen, es war sogar das einzig Richtige für ihn.
Das ich seit Jahren die Scherben meines Herzens klebe ist meine alleinige Schuld.
Gott klingt das kitschig. Fürchterlich.

Aber das Suchkommando erinnert mich an noch was; der Abend, vor vielen Jahren, als ich low-key von zuhause weglief.
Ich hab' meinem Vater einen Brief gegeben und bin gegangen, zu Michelle.
Mein Vater dachte, ich will mir was antun, und ist mir den ganzen Weg bis zur Hauptstrasse nachgelaufen, durch den Regen, verzweifelt versuchend, mich aufzuhalten. Mir das Versprechen abzuringen, dass wir Morgen reden.
Und dieses Morgen war für ihn mehr als nur ein "eine Nacht drüber schlafen", es war ein "die Nacht überleben", das habe ich deutlich gespürt.
Und ich frage mich; ist das Liebe?
Zeigt dass, das er mich liebt?

Was hat er gedacht, als er durch den Regen lief und auf mich eingeredet hat?
Dachte er wirklich, ich tu mir was an, oder war er nur erbost über meinen Ungehorsam?
Wie hat er sich gefühlt als ich ihm die Hand gegeben habe und versprach, morgen zu reden?
War er erleichtert, weil seine kleine, heile Welt nur ins Wanken gekommen, aber nicht zu sehr durcheinandergerüttelt worden war?
Hat er oben an der Steige gewartet und geschaut ob ich wirklich ins Auto von Michelles Mutter steige, im strömenden Regen, nur wegen mir kleinen undankbaren Kind?
Erinnert sich mein Vater daran?
Oder denkt er nur daran.
Was fühlt mein Vater?

Und warum, so frage ich mich, stelle ich diese Fragen einem Stück Code und nicht ihm selber?
Weil ich.. mich vor der Antwort fürchte.
Ich fürchte mich davor, das er mir sagt, dass er mich wahrhaftig nicht liebt.
Weil ich undankbar bin, weil ich egoistisch bin, weil ich keine Tochter bin, weil ich Männer und Frauen liebe.
Weil ich ungehorsam bin, weil ich kein Akademiker bin, weil ich krank bin.
Ich fürchte mich so unfassbar davor.

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