Donnerstag, 10. März 2016

Tag 12

"Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, 
alte Küsten aus den Augen zu verlieren."

Das war die Morgeneinstimmung heute.
Die Morgenrunde war toll, irgendwie.. irgendwie gabs ganz viel Grund zum Lachen und das war toll.
Nicht zuletzt dank einer Mitpatientin, die ist grossartig :D

Mir gehts.. gut. Vorsichtig ausgedrückt: gut.

Morgen war lustig, es wurde unheimlich viel gelacht.
"Nehmen Sie dieses Lachen mit in den Tag!"
Ja, das haben wir versucht, und es war gut.

Dann hatten wir Achtsamkeit, haben Gleichgewichtsübungen gemacht,
und gegen Ende noch etwas mit Aromatherapie gemischt,
das war wirklich entspannend. Auch wenn ich jetzt weiss, das Mandarine und Magnolie keine gute Mischung ist :D

Auch haben wir mal wieder gesehen, dass es in einer solch gemischten Gruppe echt nicht leicht ist,
eine vernünftige Therapie zu finden die für alle wirklich passt.
Hatten eine Imaginationsübung mit den Aromen, da gings um nen Spaziergang in der Frühlingssonne.
Jaa, blöd nur, dass der eine aus der Gruppe ne starke Sonnenallergie hat.
Ist eben schwierig, wenn so viele auf einem Haufen sitzen, mit allen Möglichen Problemen und Diagnosen.

Am Nachmittag waren zwei von der Selbsthilfevereinse da,
die Leiterin des Kabuffs und einer der Peers.
Ein "Junkie aus dem Bilderbuch", falls man das so sagen darf^^
Und das ist nicht negativ gemeint, aber ein wenig lachen musste ich schon,
Klischees haben eben doch immer einen wahren Kern.

Er hat erzählt wie er nach jahrelangem Alkohol & Drogenkonsum irgendwann angefangen hat umzudenken,
und wie ihm die AA (=Anonyme Alkoholiker) dabei geholfen hat.
Es war.. schon irgendwie echt berührend, wie direkt er alles angesprochen hat.
Und er hat sicherlich meinen tiefsten Respekt für bald 15 Jahre ohne Alk.

Aber.. der Typ hat ein paar hundert Mal wiederholt das die AA, und DIE AA ALLEINEEEEE ihm da rausgeholfen hat,
dass SIEEEEEE ALLEINEEEEE das wirklich Wahre seien und er allen immer empfehlen würde Selbsthilfeangebote anzunehmen.
Ein wenig kam man sich vor wie jemand, der von einem Sektenmitglied bequatscht wird.. :D

Nein, der war schon cool drauf, irgendwie.

Aber es.. hat mir doch wieder gezeigt, wie unterschiedlich die Wege, Ansichten und die Lösungen schlussendlich sind.
Mir ist auch schon ein trockener Alkoholiker begegnet, den es total wahnsinnig gemacht hat,
mit anderen Trockenen zu reden, er meinte, dieses gejammere und dieser Austausch ziehe ihn mehr runter als das es ihn aufbaut.
Zwei Menschen, gleiches Problem, unterschiedliche Lösungen.
Wobei, selbst das Problem ist ja irgendwie anders.
Man hat zwar die selbe Diagnose, aber der Verlauf, die Symptome, alles ist irgendwie verschieden.

Diese Geschichten sind so spannend. Sie sind traurig, sie sind aufwühlend, sie sind schön.

Das wohl faszinierendste Gespräch hatte ich vor vielen Jahren mit einem Herrn im Wartezimmer meines ersten Theras damals.
Er hatte aufgrund eines schweren Verkehrsunfalles mit 20 Jahren fast 10 Jahre im Koma gelegen,
genau zur Zeit als sich die Technik rasend ausgebreitet hat.
Er erzählte, er sei damals aufgewacht, fast ein Jahrzehnt älter, die Welt digitalisiert und rasend vorangeschritten.
Er kam sich vor wie in einem dieser ausgelutschten Hollywood-Drehbücher,
es sei total aberwitzig gewesen.
Selbst jetzt, einige Zeit danach, habe er manchmal Mühe sich irgendwie noch zurechtzufinden.
Diese zehn Jahre, die ihm fehlen, kann er nie wiederkriegen.
Während alle seine Freunde Nun in ihren dreissiger Familie gründen, Karriere machen,
sei er emotional noch gar nicht auf dem Level eines ausgewachsenen Mannes.

Diese Begegnung ist fast 8 Jahre her, aber sie ist mir geblieben, und wird mir wohl immer bleiben.

Genauso wie ein Mitpatient in der anderen Klinik, der an einer vorübergehenden Amnesie gelitten hatte.
Er meinte, man habe plötzlich einen Namen, eine Familie, Freunde, irgendwelche Hobbys und eine Arbeit,
mit der man gar nichts anfangen könne.
Alle würden von einem erwarten, dass man alte Interessen wieder aufnimmt und weitermacht,
aber irgendwie passe das einfach nicht.
Er glaube, so müsste sich ein Klon der Zukunft fühlen.
Jemand sein, der man eigentlich gar nicht ist, Erwartungen nicht erfüllen können, weil man nicht ist, wer man eigentlich ist..

Es gibt so viele Geschichten, so viele Erfahrungen, die es wert wären, niedergeschrieben werden.
Aber so viel Platz habe ich in hundert Jahren nicht o.o

Da sind so viele Menschen.. Ex-Süchtige, manche länger, manche weniger lange clean,
schwer depressive Hausfrauen, Büromenschen mit Burnout.
Ehemalige Sektenmitglieder, bei denen versucht wird die jahrelange Hinrwäsche rückgängig zu machen,
Chronisch kranke Menschen, mit Krebs, MS oder Parkinson,
Mütter und Väter, die Kinder verloren haben, die Partner verloren haben.
Borderliner, Multiple Persönlichkeiten, Übersensible und Menschen mit Intelligenzminderungen.
Angehörige von Psychisch Kranken, die irgendwann selber in die Knie gegangen sind ob all dem Druck.
Sie sind es, die mir am meisten Angst machen.
Angst, mit meinem Umfeld zu reden.
Dieser Blog hier ist mein erster Versuch überhaupt, direkt in Kontakt zu treten mit denen, die ich liebe.

Das Leben ist auf eine sehr eigentümliche Art und Weise wunderschön berührend.



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