Dienstag, 15. März 2016

Tag 15 | Vom Zeit nehmen und Zeit geben und ein wundervoller Tag

"Wissen Sie, ich war in Deutschland auf einer Uni, da hab ich nur Zahlen bis fünf gelernt."
"An welcher Uni waren sie denn?"
"Ach ich war nicht wirklich da.. ich bin da zweimal gegen die Glastüre gelaufen und habe so festgestellt, dass studieren nichts für mich ist."

Der Pfleger ist toll :D


Heute war toll.
Es war.. einfach gut, und nichts und niemand hat meinen Tag daran hindern können, wundervoll zu sein.

Irgendwie war die Erkenntnis, dass es eine Panikstörung ist, unheimlich befreiend.
Angst kenne ich, mit Angst kann ich umgehen.

Es ist vertraut.
Es ist.. es ist nicht weg oder so, logisch.
Aber es ist in den Hintergrund gerückt, und es ist immer wieder faszinierend,
wie anders man die Welt wahrnimmt plötzlich.
Wenns einem länger so richtig richtig dreckig ging, und man plötzlich wieder nach oben tauchen kann,

ist das, als ob man Scheuklappen abnimmt, als ob man die Watte aus den Ohren und den Nebel aus dem Kopf kriegt.
Man nimmt die Welt plötzlich so viel schärfer, so viel realer wahr.
Das ist ein sehr tolles Gefühl.

Ich war zu.. keine Ahnung, 70% (?) Beschwerdefrei heute, und habe spontan beschlossen,
mich jetzt nicht sofort auf den restlichen Psychokrams zu stürzen, sondern einfach nur den Tag zu geniessen.

In der Morgenrunde gabs den Text "Die Stadt der Glückseligkeit"
Darin ging es um einen Mann, der sich auf die Suche nach der Stadt der Glückseligkeit begibt,

und Nachts immer seine Schuhe in dessen Richtung hinlegt,
um Morgens noch zu wissen, wo er lang gehen soll.
Bis ihm eines Nachts ein Fremder die Schuhe umdreht, und der Mann so am Morgen wieder zurückgeht.
Als er dann in der Ferne eine Stadt sieht, spürt er ganz tief in sich, dass dies die Stadt der Glückseligkeit ist.
Er eilt hin, und stellt fest: Er ist wieder in seiner Heimatstadt.


Dann war Yoga, und ich glaube, da hat sich irgendwie der Schalter so richtig umgelegt.
Es ging einfach super. Danach hab ich mich irgendwie.. irgendwie merkwürdig gefühlt, irgendwie kränkelnd.
Das hat sich gezogen übers gemeinsame Mittagessen bis hin zur Maltherapie am Nachmittag,
die einfach super lustig war, es gab so viel zu lachen.
Ich hab mein Viereck-Bild fertig gekriegt und eine Türklinke gezeichnet.

Für meine Türe, die jetzt ein Stückchen weiter offen ist.

Hatte ein sehr gutes Gespräch mit einer Mitpatientin, über schwarzen Humor und wieso es manchmal ganz gut tut, auf offener Strasse einfach nur bescheuert zu sein.
Und sie kriegt morgen von mir Nougat-Schokoeier. Weil sie so davon geschwärmt hat :D

Dann war noch Literaturgruppe, da gings ums Thema "Zeit geben und Zeit nehmen"
Ein Zitat von Dalai Lama war einleitend.
Irgendwie hab ich das Gefühl, dass die eine Mitpatienten irgendwie sauer war, weil ich anderer Meinung war als sie.
Irgendwie.. kommt es ja letzlich nicht drauf an, wieviel Zeit man mit guten Freunden verbringt
sondern auf die Qualität dieser Zeit.
Ich mein, ich kann mit jemandem nen "ganz netten" Nachmittag verbringen, 
und das gibt mir im Endeffekt weniger als fünf sehr tolle Minuten mit wem anderes.
Ist eben immer unterschiedlich.

Aber es stimmt, wenn sie sagt, dass sich heute viel zu wenig Leute zeit für einander nehmen.
Wenn man in einer solchen Klinik ist, dann "läuft es ja irgendwie bei dir",

aber wirklich Kontakt ist schwierig.
Man ist schon irgendwie.. ein wenig im Aus.
Man mag aber auch nicht allen andauernd nachrennen, Termine finden, sich immer melden..
Manchmal möchte man einfach angerufen werden, oder einen Brief erhalten,
oder einfach Zeit geschenkt kriegen mit diesem Menschen.

Das vergisst man oft.

Grade ist es.. ich weiss es irgendwie nicht.
Es geht mir gut, ich freue mich auf morgen.

Es ist nicht perfekt, und ich merke auch, dass es körperlich immer noch nicht stimmt.
Es ist so.. so fragil irgendwie. Ich muss sehr vorsichtig mit mir sein, mir und meinem Kopf zeit lassen.
Ich weiss auch, dass es zurückkommen wird, das es wieder mies werden wird. Das ist einfach so.
Aber es ist okay. Es ist voll okay.
Denn grade gehts mir gut.

Das passt.

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