Mittwoch, 12. April 2017

Neon Unnützes Wissen

Es ist schwierig hier.

Aus dem grossen Versprechen beim Gespräch mit meiner Betreuerin und meinem ehemaligen Psychologen, dass es völlig okay ist, wenn ich mich mal zurückziehe und nicht an den Tisch kommen oder reden mag,
ist vor ein paar Wochen dann ein "Wir würden es uns schon wünschen, wenn du trotzdem da bist" geworden,
und seit Sonntag Abend ist es offiziell ein: "Wir erwarten von dir, dass du da bist"

Wow, ich bin überwältigt.
Es hat fast drei Monate hingehauen.

Generell weiss ich in solchen Momenten null, wie ich reagieren soll.
Lachen wär ne Möglichkeit, aber dann muss ich erklären, warum.
Weinen ist nicht wirklich eine Möglichkeit, dann muss ich ebenfalls erklären warum.
Deswegen mache ich meistens nichts.
Ich denk mir nur, wie grossartig behindert das irgendwie geworden ist,
und halte die Klappe.

Natürlich könnte ich sowas ansprechen, aber wenn mein Vater mit den Worten "Ich erwarte von dir" zu mir kommt,
habe ich nicht das Gefühl, jetzt noch in einer Position zu sein,
um irgendwas besprechen zu können oder dürfen.

Generell ist das alles furchtbar verdreht hier.

Mein Vater und seine Frau betonen ständig, dass wir ja WG-Artig zusammenwohnen,
und das jeder seinen Teil dazu leisten muss und sowieso.
Ja, is oke, stimmt ja auch.
Aber gleichzeitig sind die Machtverhältnisse so völlig durcheinander,
und es ist nach wie vor das mein Vater eben über mich bestimmt und mir sagt was ich zu tun und zu lassen habe.
Wo ist das dann bitte ne WG?
Ich komm mit diesem Hin und Her nicht zurecht.

Es hiess auch mal, wenn ich mein Zimmer fertig aufräume und beweisen kann,
dass ich es aufgeräumt halten kann, dann ist es okay wenn meine Jungs im Sommer hier pennen.
Joa, dann war das Zimmer fertig und dann hiess es nö.
Wir wollen nicht, dass die kommen, sucht euch was anderes.

Is ja doll.

Ich sag dazu halt einfach nichts.
Gibt weniger Stress, gibt weniger Diskussionen.
Plus, ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt das Recht habe, sowas anzubringen.
Ist schliesslich ihr Haus.
Hab ich auch so gesagt, und die Antwort war sehr deutlich: "Ja, das ist unser Haus, in deinem Eigenen kannst dus dann ja anders machen."
Holla.
Und da wirft mir ernsthaft jemand vor, dass ich zu wenig anspreche was mir nicht passt?
Ich meine, wo ist das denn bitte ein vernünftiges Umfeld wo ich lernen könnte, sowas anzusprechen?

Vor drei Tagen hätte ich am Liebsten Kurzschlussartig meine IV-Zuständige angerufen und um eine spontane Aufnahme in einer betreuten Wohngruppe gebeten.

Ich habe das Gefühl, hier zu ersticken, ich kriege keine Luft mehr.
Ich habe das Gefühl, hier als Mensch keinen Platz zu haben.
Wenn mit mir geredet wird gehts entweder um meine Ausbildung oder die IV,
oder um die Therapie und meine Krankheit.
Aber das ich zwischendrinn irgendwo auch noch Mensch, junge Frau, Jin bin,
dass spielt irgendwie keine Rolle.
Wobei, und das ist definitiv mein Fehler, ich eben auch nicht so recht weiss, was ich will.
Einerseits pisst es mich total an, dass nur für das Ausbildungs- und Schulzeugs platz ist,
andererseits.. will ich aber je länger je weniger Sonstiges von mir preisgeben.
Wärenddem ich kurz nach Austritt aus der Tagesklinik wirklich das Gefühl hatte,
mich langsam den zwein anzunäheren und dass das schon gut gehen wird,
so fühle ich mich die letzten Monate immer weiter weg, fühle ich, dass ich mich immer weiter entferne.
Es ist alles so erdrückend hier.

Es wird verlangt, dass ich ganz normal funktioniere,
rede, spasse, erzähle, tue.
Das ich von heute auf morgen alles lerne was noch nicht funktioniert,
das ich von heute auf morgen lerne, zu kommunizieren und mich anzupassen.
Das ich von heute auf morgen einfach so bin, wie sie es gerne hätten.
Es wird verlangt das ich am besten vorgestern direkt eine Ausbildung anfangen und ausziehen kann,
es wird verlangt das ich bei all meinen Terminen 100% gebe,
ausserdem nebenher noch 700 andere Möglichkeiten offenbehalte und mich obendrein noch für die Zeit danach informiere.

Manchmal wünschte ich mir, es würde mich jemand in den Arm nehmen und mir sagen,
dass es grossartig ist, dass ich die Woche überstanden habe.
Das ich wieder und wieder gegen all die Impulse angekämpft und gewonnen habe,
das ich all die Gespräche und Telefonate geführt und überstanden habe.
Das ich zwar täglich daran denke, wie es wohl wäre, tot zu sein,
aber trotzdem noch sagen kann "Yo, hier bin ich und das ist gut so"

Das ich zweimal, alle Zwei Wochen dreimal, die Woche zur Therapie gehe und stundenlang über mich und mein (Fehl)verhalten nachdenke,
dass ich versuch Lösungen und Antworten zu finden.

Das ich meine Medis nie missbrauche, obwohl ich oftmals will,
dass ich es nicht ausnutze, dass ich keine Überprüfungsstufe habe,
und mir so theoretisch eine viel zu hohe Dosis Temesta holen könnte.
(Was mich übrigens nicht umbringen würde, aber Temesta ist ein höchst abhängigmachendes Beruhigungsmedi das ich gegen Panikanfälle in Reserve habe)

Andererseits.. will ich weder von meinem Vater noch von seiner Frau umarmt werden.
Is ne dumme Idee.
Vergessen wir das wieder.

Übrigens hab ich meiner IV-Zuständigen dann nicht geschrieben.
Wollte es vorher mit meiner Betreuerin besprechen, und grossartig wie ich bin,
hab ich heute den Termin mit ihr verhangen.
Jup, läuft bei mir.

Und obwohl ich das Gefühle habe, dem Druck und diesem erstickenden Gefühl hier zu hause nicht mehr gewachsen zu sein,
erscheint es mir einfach lame immer andere zu beschuldigen.
Das ist mir auch bei meiner letzten Stunde beim Psychiater aufgefallen.
Es ging halt sehr um den Vorfall mit dem Auto und meinem extremen Selbstverletzungsrückfall,
und wo die Gründe dafür liegen könnten.
Wie meine Betreuerin schon sagte: Vermutlich Angst.
Angst, dem nicht standzuhalten, Angst und Überforderung weil soviel von mir erwartet wird.
Und das ich gar nicht mehr in der Lage bin, auf mein Bauchgefühl zu hören,
weil mir das als Kind quasi abtrainiert worden ist.
Immer, wenn ich mir denke "Shit, das ist jetzt zu viel" schiebe ich das sofort beiseite und mache trotzdem weiter,
weil ich mir denke, dass ich das nur zu mir sage weil ich ein faules Stück bin.
Das erinnert mich auch an etwas, was wir im Studium mal hatten inner Entwicklungspsychologie.
Wenn du ein Kind nicht in seinen Emotionen und Wahrnehmungen bestätigst, lernt es nicht, auf diese zu vertrauen.
Und es ist halt schon so, dass es früher sehr oft hiess "Tu nicht so, das ist doch nicht so schlimm",
oder "Das ist kein Grund zu heulen/whatever halt tun".

Aber es ist so.. ermüüüdend, so unglaublich lame dauernd zu sagen "JAA ABBERRR VERGANGENHEIITT"
Jesus, Vergangenheit ist Vergangenheit, ich lebe aber jetzt.
Generell bin ich niemand, der irgendwem was nachträgt, ich will nur das alle zufrieden sind.
Und trotzdem ist es wichtig, zu verstehen woher meine Defizite und Probleme kommen.
Es ist furchtbar.
Ich weiss nicht, was denken.

Apropo Jesus: Irgendwie ist dieses Haus innerhalb des letzten halben Jahres um 329% heiliger geworden.

Jesus
ist
fucking
überall

Grundsätzlich stört es mich nicht, ich bin eh so aufgewachsen,
aber es ist so ätzend das immer und überall und ALLES mit Religion zu tun hat in letzter Zeit.
Der Pfarrer ist der best Bro meines Vaters, Mönche sollen hier übernachten,
auf den Tassen stehen Bibelsprüche und selbst die Texte, die ich mit der Frau meines Vaters jeweils Morgens lese,
handeln von Jesus, Gottes Liebe und irgendwelchen barmherzigen Missionaren.
Ich meine.. holy, es gibt auch gutherzige Menschen die nichts mit Religion am Hut haben.
Scheint aber hier irgendwie nicht ins System zu passen.
Übrigens sind sogar die Tischgespräche thematisch an das angepasst.
Entweder es geht darum, was in der Kirche noch alles gemacht werden soll,
oder darum, wie man Bibelspruch XY verschiedenen interpretieren könnte.

Wow.

Es ist schade, das etwas Anderes in diesem Haushalt offenbar keinen Platz mehr findet.
Wenn es nicht religiös ist, hats keine Wichtigkeit.

Ich war am Dienstag das erste Mal wegen Selbstverletzung beim Hausarzt.
Mein neuer Psychiater ist sehr sehr strikt,
und als er von der Art der Wunden erfahren hat, hat er mich straight zum Hausartz geschickt.
Zum Glück ist der sowieso einiges von mir gewohnt, auch wenn es tatsächlich etwas her ist,
seit ich das letzte Mal notfallmässig mit ner Full-Out Panikattacke dort gelandet bin.

Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar dafür, dass er mich schon so lange auf meinem Weg begleitet,
da muss ich nicht viel erklären.
Aber es war mir irgendwie sehr peinlich, die Wunden auch zu zeigen und vorallem auch der MPA,
die den Verband angelegt hat.
Meine Wunden und auch die Narben sind etwas sehr intimes für mich,
etwas, das nur mir gehört.
Nichts, was man anderen zeigen will.
Ausserdem ist für mich damit auch verbunden,
dass ich mich vor anderen als "Psycho" outen muss.
Das ist, bei fremden Menschen, nach wie vor schwer.
Weil darauf nicht alle ganz so geil reagieren.
Aber es war ja beim Arzt und die sind ja zum glück professionell genug,
vernünftig damit umzugehen.

Und ddannn kaammm meeeinnn Koppfff dazwwiiischeeennnnn.
Mensch, ich sollte wirklich lernen, mir dumme Kommentare zu verkneifen.
Die MPA meinte so zu sich selber "Jaa, eine Gaze reicht nicht wegen der Form"
Und ich nur so: "Sorry, das nächste Mal achte ich drauf, im Viereck zu schneiden und zu brennen"
Nein Jin, nein.
Arghhh
Man!
(Aber ein bisschen lustig wars schon.. ähm)

Auf jeden Fall ist das was Neues für mich,
auf meine Wunden und halt auf mich so gut achtzugeben,
wirklich mit Salbe und Wundheilspray (das Ding ist fancy) dahinterzugehen und sowas.
Aber ich muss sagen.. es hat was zärtliches.
Ich tue mir damit was Gutes, weil ich auf mich achte und schaue,
das Alles gut verheilt.
Es ist neu aber nicht schlecht.

(Auch wenn ich jetzt wirklich arm bin, So Bandagen-Pflaster-Salbenzeugs ist teuerrrrr)

Allgemein?
Allgemein kann ich grade nicht klagen.
Abgesehen vom Erwähnten und Üblichen.

Allgemein ists grade okay.
's is okay.




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